09/09 2013

Schlaganfall - Der „Kurzschluss“ im Gehirn

Viele Schlafstörungen und schlafbezogene Erkrankungen erhöhen den Blutdruck und damit auch das Risiko für gefährliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall. Von der obstruktiven Schlafapnoe weiß man schon lange, dass sie den Blutdruck in die Höhe treibt; ähnliche Erkenntnisse gibt es inzwischen auch für das Restless-Legs-Syndrom. Und auch Ein- und Durchschlafstörungen sind Stress für Herz und Kreislauf. Zum Glück kann man vieles tun, um einem Schlaganfall vorzubeugen, und es gibt mittlerweile auch gute Behandlungsmöglichkeiten. Werner Waldmann sprach mit Prof. Dr. Hansjörg Bäzner, dem Ärztlichen Direktor der Neurologischen Klinik am Bürgerhospital Stuttgart.

 

Wie entsteht ein Schlaganfall?

Prof. Bäzner: Da gibt es verschiedene Ursachen. In der Regel ist es so, dass ein Blutpfropf eine Schlagader verstopft, die das Gehirn mit Blut und Sauerstoff versorgt. Dann sterben Gehirnzellen ab. Das ist der so genannte ischämische Schlaganfall, der etwa 80 % aller Fälle ausmacht. Aber auch eine Gehirnblutung kann einen Schlaganfall verursachen; das betrifft rund 20 % der Patienten. Zu solch einer Gehirnblutung kann es durch einen Sturz auf den Kopf oder eine andere Kopfverletzung kommen; aber auch zu hoher Blutdruck ist ein Risikofaktor für Blutungen im Gehirn. 

 

Was gibt es sonst noch für Ursachen?

Prof. Bäzner: Relativ selten ist mit 2 bis 5 % die Subarachnoidalblutung, bei der Blut in den mit Hirnflüssigkeit (Liqour) gefüllten Raum zwischen den zwei Hirnhäuten gelangt, die das Gehirn umschließen. Das ist ein dramatisches, lebensbedrohliches Krankheitsbild, das sich durch heftige Kopfschmerzen (meist im Hinterkopfbereich), Übelkeit, Erbrechen und Bewusstseinsstörungen äußert. Die häufigste Ursache dafür ist eine Erweiterung einer Gehirnarterie (Aneurysma), die irgendwann einreißt. Dann gibt es noch die ebenfalls selten vorkommende Karotisdissektion: ein Einriss in einer Halsschlagader, der dazu führt, dass sich Blut in die eingerissene Gefäßwand wühlt und das Gefäß teilweise verstopft. Das ist eine Schlaganfallvariante, die öfter auch jüngere Patienten betrifft.

 

Kann denn nicht auch Vorhofflimmern zu Schlaganfällen führen?

Prof. Bäzner: Ja. Diese Herzrhythmusstörung wird als Schlaganfallursache immer noch eher unterschätzt. Es gibt sehr viele Menschen, die nicht wissen, dass sie unter Vorhofflimmern leiden. Solche Patienten haben ein erhöhtes Schlaganfallrisiko, weil sich beim Vorhofflimmern durch den unregelmäßigen Herzschlag und die unregelmäßige Aktion der Herzhöhlen manchmal Blutgerinnsel bilden. Diese können dann mit dem Blutstrom ins Gehirn geschwemmt werden und dort einen Schlaganfall verursachen. Ebenso können sich Blutgerinnsel an den Schlagadern am Hals oder auch in der Hauptschlagader, die vom Herzen weggeht, lösen und Durchblutungsstörungen im Gehirn auslösen.

 

Zwischen Schlafapnoe und Schlaganfall scheint es Zusammenhänge zu geben?

Prof. Bätzner: Ja, das stimmt, wobei hier natürlich auch andere Faktoren, die wiederum mit der Schlafapnoe zu tun haben können (Übergewicht, hoher Blutdruck etc.), bei der Schlaganfallentstehung eine Rolle spielen. Aber die Schlafapnoe verursacht charakteristischerweise nachts immer wieder eine vorübergehende Mangeldurchblutung des Gehirns, und insofern ist allein schon über diesen Aspekt ein möglicher Zusammenhang zumindest zu diskutieren.

 

Gibt es eine genetische Veranlagung für den Schlaganfall?

Prof. Bäzner: Ja, die gibt es insofern, als manche Gerinnungsstörungen angeboren sein können. Und wenn die Blutgerinnung nicht richtig funktioniert, dann kann das auch wiederum das Schlaganfallrisiko deutlich erhöhen. Außerdem kommen Risikofaktoren, die bei der Entstehung von Schlaganfällen eine wichtige Rolle spielen, in Familien gehäuft vor, zum Beispiel erhöhte Blutfettwerte.

 

Beim Schlaganfall ist schnelles Handeln wichtig. Man muss sofort den Notarzt anrufen, denn je eher man ins Krankenhaus kommt, umso größer ist die Chance, den Schaden am Gehirn möglichst gering zu halten. An welchen Symptomen erkennt man einen Schlaganfall?

Prof. Bätzner: Am häufigsten sind plötzlich eintretende Lähmungserscheinungen oder Gefühlsstörungen. Ein hängender Mundwinkel ist zum Beispiel ein sehr wichtiges Symptom, ebenso plötzlich auftretende Sprechstörungen oder Doppeltsehen. 

All diese Schlaganfallsymptome treten charakteristischerweise ganz plötzlich auf. Oft sind sie so dramatisch, dass man automatisch den Notarzt ruft. Manchmal halten solche neurologischen Ausfallerscheinungen allerdings auch nur ganz kurz an und verschwinden dann wieder. Wichtig ist, auch diese kürzer dauernden Beschwerden ernst zu nehmen. Auch bei solchen Symptomen sollte man einen Notarzt benachrichtigen und möglichst rasch in einer Klinik untersucht und gegebenenfalls auch behandelt werden. 

Oft sind solche so genannten transitorischen ischämischen Attacken nämlich erste Warnsignale für einen Schlaganfall, der dann möglicherweise kurze Zeit später auftritt. 

Heute gibt es sehr viel bessere Diagnostik- und Behandlungsmöglichkeiten als früher. Was unternimmt man, wenn ein Patient mit einem akuten Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert wird?

Prof. Bäzner: Zunächst wird der Patient neurologisch untersucht, und seine Symptome werden dokumentiert. Dann folgt eine internistische Untersuchung, die unter anderem auch Herz- und Kreislaufparameter beinhaltet. Nachdem man die Schlaganfalldiagnose gestellt hat (und das sollte innerhalb weniger Minuten möglich sein), muss rasch ein Bild des Gehirns gemacht werden, entweder per Computer- oder Kernspintomografie. 

Die Behandlung besteht darin, dass man versucht, das Blutgerinnsel, welches das Gefäß blockiert, mithilfe einer Infusion aufzulösen. Diese sogenannte Thrombolyse (oft auch einfach „Lyse“ genannt) ist in Deutschland seit gut zehn Jahren etabliert. Inzwischen gibt es aber auch andere Behandlungsmöglichkeiten, die in größeren Zentren – beispielsweise hier am Klinikum Stuttgart – eingesetzt werden: nämlich die Entfernung des Blutgerinnsels mithilfe von Kathetern. Das ist natürlich aufwendiger als eine medikamentöse Behandlung mit Infusionen, aber durchaus auch ein sehr vielversprechender Therapieansatz.

 

Die Thrombolyse muss innerhalb relativ kurzer Zeit nach Eintritt des Schlaganfalls erfolgen. Warum geht das später nicht mehr?

Prof. Bäzner: Die Lyse ist mittlerweile bis viereinhalb Stunden nach Beginn der Symptome zugelassen. Denn man weiß, dass nach Ablauf dieser Zeit im Gehirn leider bereits so viel Schaden angerichtet ist, dass eine Wiedereröffnung des Gefäßes in der Regel nicht mehr hilft. Mit dem Katheterverfahren hat man manchmal auch noch nach Ablauf dieser viereinhalb Stunden Erfolg; generell kann man aber sagen, dass über einen Zeitraum von maximal zehn Stunden hinaus durch den Sauerstoffmangel so viel Gehirngewebe abgestorben ist, dass es sich dann nicht mehr retten lässt.

 

Ist es auch möglich, statt der Lyse gleich das Katheterverfahren einzusetzen?

Prof. Bäzner: Das ist grundsätzlich auch eine wichtige Überlegung. Für welches Verfahren man sich entscheidet, hängt insbesondere von der Ausdehnung des Gefäßverschlusses und der seit Beginn der Symptome vergangenen Zeit ab. Man weiß, dass die Thrombolyse bei sehr großen Gefäßverschlüssen häufig keinen Erfolg hat. Deshalb verfahren wir hier in unserem Zentrum normalerweise so, dass wir Patienten mit sehr großen Gefäßverschlüssen unmittelbar einer Katheterbehandlung zuführen. Bei Patienten, bei denen das verschlossene Gefäß kleiner ist, entscheiden wir uns eher für eine Thrombolyse.

 

Beide Verfahren gehen mit Risiken einher?

Prof. Bäzner: Das stimmt, bei beiden können Komplikationen wie beispielsweise Blutungen auftreten. Aber es gibt gute Daten, die belegen, dass der Nutzen das eventuelle Risiko bei weitem übersteigt.

 

Was kann man tun, um einem Schlaganfall vorzubeugen?

Prof. Bäzner: Auf diese Frage gibt es eine banal klingende, aber sehr plausible Antwort. In allererste Linie denke ich dabei an sportliche Aktivitäten, an Bewegung, die mindestens so ausgeübt werden sollte, dass man dreimal pro Woche eine halbe Stunde spazieren geht – das ist das Minimum. In der Regel sind Ausdauersportarten sehr sinnvoll, also zum Beispiel Spazierengehen (gerne auch mit Walkingstöcken, wobei die nicht unbedingt notwendig sind), Schwimmen oder Radfahren. Was die Ernährung angeht, ist eine gesunde Ernährung mit viel frischem Obst und Gemüse – das, was man auch als mediterrane Kost empfiehlt – sehr sinnvoll. Und natürlich sollte man auf Tabakkonsum dringendst verzichten und beim Alkohol auf ein vernünftiges Maß achten.

 

Welche neuen Therapieansätze gibt es in der Forschung?

Prof. Bäzner: Technisch befinden sich die Katheterverfahren natürlich in kontinuierlicher Weiterentwicklung. Nachdem vor Jahren noch eher zufällig beobachtet wurde, dass man Katheter, die für die Eröffnung anderer Gefäße verwendet wurden, auch beim Schlaganfall helfen können, entwickelt man in der Zwischenzeit gezielt Katheter, die für Gehirngefäße und deren Eigenschaften geeignet sind. Auf der anderen Seite versucht man natürlich auch, weitere Medikamente für die akute Behandlung zu entwickeln, also zum Beispiel für die Thrombolyse. Und es gibt Versuche, andere Präparate außerhalb der Thrombolyse zu finden, die dann möglicherweise auch einen gewissen Schutz für gefährdete Gehirnzellen in der Akutphase bieten; leider sind diese Versuche bisher nicht besonders erfolgreich gewesen. Und man entwickelt kontinuierlich bessere Medikamente zur Vorbeugung vor Schlaganfällen.

Das Schlafmagazin Ausgabe 3/2013
Foto: ©Ileanaolaru/Dreamstime.com

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Prof. Dr. Hansjörg Bäzner

Prof. Dr. Hansjörg Bäzner
Ärztlicher Direktor der Neurologischen Klinik, Klinikum Stuttgart – 
Bürgerhospital 
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70191 Stuttgart
Tel.: 0711 278-22401 
E-Mail: h.baezner(at)klinikum-stuttgart.de