02/06 2016

Wenn Volkskrankheiten zusammenkommen: Schnarchen, Schlafapnoe und COPD

Leiden Sie morgens unter schleimigem Husten? Kommen Sie beim Treppensteigen leicht aus der Puste? Fällt Ihnen auf, dass Sie im Winter öfter Infekte bekommen als früher? Dahinter könnte eine Lungenerkrankung stecken, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte: COPD. Vor allem Raucher laufen Gefahr, daran zu erkranken. Kommt dann noch Schnarchen oder gar eine obstruktive Schlafapnoe dazu, verschlimmern sich die Atemwegsprobleme. Wir sprachen mit Professor Helmut Teschler von der Essener Ruhrlandklinik. 

Wodurch entsteht eine COPD?

Prof. Teschler: Die häufigste Ursache ist das Rauchen. Außerdem gibt es genetische Faktoren; und auch die Zeit im Mutterleib, die Umstände der Geburt und die ersten Lebensjahre sind von großer Bedeutung. War die Geburt kompliziert, ist das Neugeborene lange Zeit im Brutkasten gewesen, musste es in den ersten Tagen und Wochen seines Lebens beatmet werden? All das erhöht das Risiko für eine spätere COPD.


Was sind denn die ersten Symptome einer COPD? Wann sollte man zum Arzt gehen?

Prof. Teschler: Das klassische Symptom eines Patienten mit COPD ist Atemnot unter Belastung. In Ruhe hat der Patient keine Probleme; aber wenn er im Treppenhaus mehrere Etagen steigen muss, kommt er aus der Puste.


Normalerweise sagt man sich bei Atemnot: „Das liegt am Übergewicht“ oder „Ich werde auch nicht jünger“. Kurzatmigkeit ist normalerweise kein Symptom, bei dem man zum Arzt geht. Woran kann man erkennen, ob dahinter etwas Besorgniserregendes steckt?

Prof. Teschler: Es gibt viele Krankheiten, die Atemnot verursachen. Gerade deshalb sollte man solche Beschwerden unbedingt ärztlich abklären lassen. Bei der COPD gehen die Atembeschwerden stets mit Auswurf und einer erhöhten Infektionsneigung einher.


Meinen Sie mit Auswurf diesen Raucherhusten, den man vor allem morgens hat?

Prof. Teschler: Ja. Klassischerweise ist es ein morgendliches Hüsteln, normalerweise nicht mit einer sehr großen Menge Auswurf. Das Sekret, das da abgehustet wird, ist häufig eher schaumig, ein bisschen klumpig, aber keinesfalls blutig und auch nicht gelb oder grün. Gelbgrüner Auswurf deutet eher auf einen Infekt hin.


Welche diagnostischen Maßnahmen führt der Hausarzt durch?

Prof. Teschler: Der Hausarzt sollte den Patienten zunächst einmal genau befragen: In welchem Zusammenhang tritt die Atemnot auf? Gibt es Auswurf, und wenn ja: wie sieht er aus? Darüber hinaus sollte er eine Spirometrie, also eine Lungenfunktionsuntersuchung durchführen, bei der die sogenannte Ein-Sekunden-Luft gemessen wird: Kann der Patient innerhalb einer Sekunde so viel ausatmen, wie er sollte, oder ist diese Ausatemkapazität eingeschränkt? Natürlich sollte er auch Basisblutuntersuchungen durchführen, um eine genetische Form der COPD festzustellen oder auszuschließen. Je nach Ergebnis sollte er außerdem eine Röntgenuntersuchung veranlassen, vor allem, wenn der Patient über blutigen Auswurf oder schleimigen Husten in Verbindung mit Fieber klagt. Und man muss sich auch die Frage stellen: Ist die Atemnot durch COPD bedingt, oder hat sie eine andere Ursache? Der Hausarzt muss also auch den Blutdruck und die Herzfunktion überprüfen; er sollte ein EKG schreiben und in Abhängigkeit von den Befunden eventuell weitere Untersuchungen veranlassen.

 
Was passiert, wenn die Diagnose COPD feststeht?

Prof. Teschler: Zunächst sollte der Hausarzt mit dem Patienten besprechen, ob er sich bei einem Lungenfacharzt vorstellen möchte. Dieser Lungenfacharzt oder Pneumologe wird die Diagnose bestätigen, den Schweregrad der Erkrankung beurteilen und einen Behandlungsvorschlag machen. Außerdem ist darüber nachzudenken, ob der Patient nicht in ein Disease-Management-Programm für COPD eingeschrieben werden sollte, das heute alle Krankenkassen anbieten.
 

Worin besteht der Vorteil solcher Programme?

Prof. Teschler: Wenn der Patient an einem Disease-Management-Programm teilnimmt, kann er sicher sein, dass er nach vorgegebenen, etablierten Standards behandelt wird. Außerdem erhält er die Möglichkeit zu regelmäßigen Schulungen; er bekommt also mehr Informationen über sein Krankheitsbild, und zwar systematisch vermittelt von hierfür ausgebildeten Trainern. Diese Schulungsprogramme wurden von den medizinischen Fachgesellschaften und der Deutschen Atemwegsliga entwickelt und haben sich sehr bewährt. Darüber hinaus wird die Krankenkasse in ihren Computersystemen auch gelegentliche Abfragen durchführen, um festzustellen, ob es Ungereimtheiten in der Behandlung gibt. Ein klassisches Beispiel: Bekommt ein Patient sehr viel Kortison, dann nimmt ein Mitarbeiter mit dem behandelnden Arzt Kontakt auf und fragt ihn nach dem Grund dafür. Insgesamt wird die Behandlung in den Disease-Management-Programmen sehr viel strukturierter und leitliniengerechter durchgeführt.
 

Dann müssten sich ja eigentlich viele COPD-Patienten für so ein Programm entscheiden …

Prof. Teschler: Richtig. Wir haben in Deutschland Hunderttausende von Patienten, die in ein Disease-Management-Programm für COPD eingeschrieben sind.
 

Grundsätzlich könnte aber auch der Facharzt die Behandlung weiterführen?

Prof. Teschler: Der Facharzt wird dem Hausarzt im Regelfall eine Behandlungsempfehlung geben, und der Hausarzt wird dann die weitere Therapie des Patienten steuern. Natürlich kann es auch sein, dass es sich um ein sehr schweres Krankheitsbild handelt oder viele Begleiterkrankungen vorliegen, sodass dieser Patient grundsätzlich vom Facharzt behandelt werden muss. Doch die meisten Patienten haben eine leichte COPD, die auch vom Hausarzt weiterbetreut werden kann.


Welche Medikamente stehen heute für die Behandlung einer COPD zur Verfügung, und wie wirken sie?

Prof. Teschler: Es gibt eine ganze Reihe von Medikamenten. Die wichtigsten dieser Arzneimittel haben die Aufgabe, die Atemwege weit zu stellen. In der medizinischen Fachsprache heißen sie Bronchodilatatoren. Es gibt kurz- und langwirksame Bronchodilatatoren.
 

Wie oft muss ein COPD-Patient diese Substanzen pro Tag inhalieren?

Prof. Teschler: Das hängt von der Wirkdauer ab. Bei den langwirksamen Bronchodilatatoren gibt es mittlerweile Substanzen, die er nur morgens zu inhalieren braucht. Die kurzwirksamen Substanzen sollte er eigentlich nicht als Basistherapie verwenden, sondern nur akut, also wenn er unter Atembeschwerden leidet. Die wirken kurz und rasch; er wird sie also häufiger anwenden müssen, spürt die Wirkung aber bereits nach wenigen Minuten.


Das heißt, er sollte diesen kurzwirksamen Bronchodilatator eigentlich immer dabei-haben, gewissermaßen als Notfallmedikament für den Fall, dass er Atemnot bekommt?

Prof. Teschler: Das kurzwirksame Spray hat er in der Hosentasche; das langwirksame Spray sollte er im Regelfall zu Hause aufbewahren.
 

Viele COPD-Patienten wenden ihren Inhalator falsch an, was den Therapieerfolg beeinträchtigt. Wie kommt es zu diesen Fehlern?

Prof. Teschler: Viele Ärzte schulen ihre Patienten eben leider nicht ausreichend. Der Apotheker tut das ebenfalls nicht; er verkauft die Produkte nur. Und die Berufsfachgruppen, die in dieser Hinsicht große Erfahrung haben – beispielsweise Atmungstherapeuten – sind leider nicht flächendeckend vorhanden. Auch deshalb ist die Teilnahme an einem Disease-Management-Programm sinnvoll. Aber natürlich ist hier auch die Eigeninitiative des Patienten gefragt. Er sollte zu seinem Arzt oder Apotheker sagen: „Die erste Anwendung würde ich gerne von Ihnen gezeigt bekommen.“ Und wenn ein Patient zur Untersuchung zum Arzt kommt, sollte er ihm seine Inhalationstechnik vorführen. Außerdem gibt es mittlerweile in Deutschland für alle Inhalationsgeräte Filme auf YouTube, in denen die Anwendung gezeigt wird. Man braucht nur den Namen des Medikaments einzugeben. 


Manchmal treten auch phasenweise Verschlechterungen der COPD (sogenannte Exazerbationen) auf. Wie kommt es dazu?

Prof. Teschler: Die Ursachen hierfür sind bis heute nicht genau bekannt. Es können virale oder bakterielle Infekte oder auch Entzündungen dahinterstecken. Im Herbst und Winter kommen solche Exazerbation besonders häufig vor.


Dann muss der Patient seinen Arzt aufsuchen?

Prof. Teschler: Nicht jeder Patient mit einer Exazerbation muss zum Arzt gehen. Es kommt immer darauf an, wie ausgeprägt die Exazerbation ist. Einige Patienten haben bereits während der Schulung im Rahmen des Disease-Management-Programms Informationen erhalten, wie sie mit einer solchen Verschlechterung ihrer Erkrankung umgehen können. Ist die Exazerbation mild (das heißt, der Patient hat zwar vermehrt Atemnot und vielleicht auch etwas mehr Auswurf, ist in seiner Lebensqualität aber nicht stark beeinträchtigt), dann muss er seine Sprays eventuell häufiger anwenden. Vielleicht hat er von seinem Arzt auch die Anweisung erhalten, dass er dann für vier oder fünf Tage Kortison in Tablettenform einnehmen soll. Wenn das Problem dadurch nicht innerhalb von ein paar Tagen besser wird, muss er seinen Arzt aufsuchen. Wenn ein Patient im Rahmen einer Exazerbation schwergradige Atemnot bekommt oder unter einer schweren COPD mit Begleiterkrankungen leidet, muss er auf jeden Fall zum Arzt gehen und vielleicht sogar ins Krankenhaus eingewiesen werden.

 
Was kann man als Patient tun, um seinen Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen?

Prof. Teschler: Am wichtigsten ist es, alle Ursachen für die COPD auszuschalten. Insofern muss ein Rauchstopp tatsächlich der erste Schritt sein. Da COPD-Patienten sich häufig mit Pneumokokken infizieren und dann an einer Lungenentzündung erkranken, sollten sie außerdem eine Pneumokokkenimpfung erhalten. Eine regelmäßige Grippeschutzimpfung ist ebenfalls zu empfehlen. Die dritte wichtige Maßnahme besteht darin, bereits in einem frühen Krankheitsstadium die körperliche Aktivität zu intensivieren. Dazu gibt es in Deutschland Lungensportgruppen. Der Lungensport kann vom Arzt verordnet werden.


COPD-Patienten leiden ja auch oft unter Begleiterkrankungen … 

Prof. Teschler: Richtig. Viele dieser Probleme stehen mit Bewegungsmangel oder einer Kortisontherapie in Verbindung: Hier spielen unter anderem Osteoporose, Gelenkprobleme und muskuläre Defizite eine Rolle. Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z. B. koronare Herzerkrankung, Herzmuskelschwäche oder Bluthochdruck) kommen bei COPD-Patienten häufiger vor, weil das Rauchen nicht nur die Lunge, sondern auch das Herz-Kreislauf-System schädigt. In fortgeschrittenen Stadien der COPD – finden sich – vor allem bei übergewichtigen Patienten – nicht selten erhebliche nächtliche Probleme im Schlaf bis hin zu schweren Sauerstoffmangelsituationen im Traumschlaf oder gar einer obstruktiven Schlafapnoe. Auch das muss im Gesamtbehandlungskonzept mitberücksichtigt werden.

Eine weitere wichtige Begleiterkrankung bei COPD, die die Patienten dem Arzt oft schamhaft verschweigen, ist Inkontinenz. Dieses Problem betrifft Frauen häufiger als Männer. Durch Vermeidung von Hustenanfällen und Beckenbodengymnastik bekommt man es aber gut in den Griff.


Gibt es eigentlich auch Zusammenhänge zwischen Schnarchen und COPD?

Prof. Teschler: Bei normaler Atmung herrscht in den oberen Atemwegen – sowohl in Ruhe als auch unter Belastungsbedingungen und im Schlaf – eine Luftströmung ohne Turbulenzen. Wenn man nun zu schnarchen anfängt, es also zu Vibrationen in den oberen Atemwegen kommt, entsteht dadurch eine turbulente Luftströmung, bei der Bestandteile der Mund- und Rachenflora mit dem Luftstrom in die Tiefe der Atemwege gerissen werden. Dadurch gelangen mehr Keime aus den oberen in die tiefen Atemwege. Je ausgeprägter das Schnarchen ist – je länger und je häufiger pro Woche man schnarcht –, umso größer ist das Risiko für das Fortschreiten einer COPD und für die Entstehung von Exazerbationen infolge von Infekten und entzündlichen Veränderungen.


Ein Schnarcher, der unter COPD leidet, sollte also etwas gegen diese nächtliche Atemstörung tun, weil er damit auch seine COPD positiv beeinflussen kann?

Prof. Teschler: In erster Linie ist das Schnarchen ja ein soziales Problem. Es kann aber auch mit Atemaussetzern einhergehen. Dann liegt eine sogenannte obstruktive Schlafapnoe – krankhaftes Schnarchen mit nächtlichen Atemstillständen – vor. Das sollte bei Schnarchern unbedingt abgeklärt werden. Hierfür gibt es eine sehr einfache Untersuchungsmethode: die Polygrafie, die niedergelassene Lungenfachärzte ambulant (also beim Patienten zu Hause) durchführen können. Finden sich bei dieser Polygrafie Hinweise auf eine Schlafapnoe, muss der Patient zur weiteren Abklärung und Behandlung in ein Schlaflabor.

Handelt es sich nur um bloßes Schnarchen oder um eine leichte Schlafapnoe, so sollte man dieses Problem bei COPD-Patienten meiner Meinung nach ebenfalls therapieren. Dazu braucht man aber nicht immer eine Überdruckbeatmung, bei der der Patient nachts eine Maske auf der Nase tragen muss. Denn das CPAP-Gerät ist ja für viele Patienten ein Schrecken. Im Regelfall ist diese Therapie heute bei leichter bis mittelschwerer Schlafapnoe und bei schwerem Schnarchen nicht mehr unbedingt die Methode der Wahl. Inzwischen gibt es andere Behandlungsmöglichkeiten. Protrusionsschienen, die den Unterkiefer vorziehen und den Schlund weiten, können zum Beispiel sehr hilfreich sein.

 

Professor Dr. Helmut Teschler ist Ärztlicher Direktor der Ruhrlandklinik in Essen, einem Fachkrankenhaus für die medikamentöse und operative Behandlung von Erkrankungen der Atmungsorgane.

Ruhrlandklinik
Tüschener Weg 40
45239 Essen
Tel.: 0201 433-01
www.ruhrlandklinik.de

Das Schlafmagazin 2-2016
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