17/11 2011

Sekundenschlaf

Schlafattacken, die Leben kosten

 

Schlaf gilt als Balsam für unsere Seele. Wer gut schläft, fühlt sich tagsüber super, voller Elan und Tatendrang. Doch Schlaf kann auch tödlich sein – und zwar im Straßenverkehr, meistens auf der Autobahn. Gemeint ist der berüchtigte Sekundenschlaf. Die Wissenschaftler bezeichnen ihn auch als Mikroschlaf. 

Werner Waldmann

Schwere Verletzungen hat ein vierundzwanzig Jahre alter Mann aus dem Ruhrgebiet bei einem Unfall am Donnerstag gegen 2.55 Uhr auf der Autobahn zwischen den Anschlussstellen Neuenkirchen-Vörden und Holdorf erlitten. Der Mann war nach Polizeiangaben mit seinem mit Trockeneis beladenen LKW mit Anhänger aus ungeklärter Ursache nach rechts von der Fahrbahn abgekommen. Das Fahrzeug durchbrach die Leitplanke und den Wildschutzzaun, kippte um und blieb auf dem Dach liegen.“ 

„Schon ein paar Sekunden Schlaf am Steuer können teuer werden. Diese Erfahrung musste auf der A 6 ein Lastwagenfahrer machen. Nach dem Einnicken verlor er in Höhe der Ortschaft Birgland die Kontrolle über sein Gespann. Wie die Polizei am Sonntag mitteilte, kam der LKW nach links von der Fahrbahn ab und walzte auf einer Länge von mehr als 20 Metern die Mittelleitplanke platt.“

„Bei einem Horror-Unfall auf der Brenner-Autobahn starb eine dreiköpfige Familie aus Düsseldorf. Zu dem Unfall kam es am Samstag gegen 8.30 Uhr. Der Audi prallte bei voller Fahrt auf einen LKW aus Tschechien, der in einer Haltebucht stand. Am Steuer saß die Mutter. Der Tacho soll nach dem Crash auf 200 km/h gestanden haben. Weil die Polizei keine Bremsspuren entdeckte, gehen die Ermittler von Sekundenschlaf aus. Der Aufprall war so stark, dass das Auto teilweise unter den Lastwagen rutschte und Teile des PKWs bis zu 100 Meter weit flogen.“ 

Guter Schlaf ist erholsam, Sekundenschlaf kann tödlich sein, wenn einen die winzige  Müdigkeitsattacke in einer kritischen Fahrsituation erwischt, etwa in einer Kurve, aus der man sich selbst ins Abseits katapultiert, besonders bei hoher Geschwindigkeit, oder auf einer gerade verlaufenden Landstraße, auf der einen die Schlafattacke für Bruchteile von Sekunden auf die Gegenfahrbahn geraten lässt und so in einer tödlichen Frontalkollision mit dem entgegenkommenden Fahrzeug endet. Früher stand im Protokoll der Polizei, dass der Fahrer wohl einen Fehler begangen habe, oder schlicht: Ursache unbekannt. Heute ist man klüger und weiß um die Gefahren des Sekundenschlafs. 

 

Was ist Sekundenschlaf eigentlich?

 

Schlaflexikon: Sekundenschlaf

Sekundenschlaf ist ein ganz banales Phänomen, nämlich ungewolltes Einnicken, das nur wenige Sekunden dauert. Ursachen dafür gibt es viele. Sekundenschlaf tritt im Straßenverkehr bei übermäßig langen und monotonen Fahrten auf. Das ist in erster Linie auf Autobahnen der Fall. 

Man braucht nicht viel Fantasie dazu, sich die Monotonie vorzustellen, der ein Fahrer ausgesetzt ist. Besonders einer, der einen LKW steuert. Mit dem Personenwagen kann man mal schneller, mal langsamer fahren, man überholt – man ist in ständiger Aktion. Das hält wach. LKW-Fahrer müssen ihr Vehikel mit regelmäßigem Tempo steuern, meistens auf der rechten Spur, meistens in Kolonne mit anderen LKW-Kollegen. Und wenn ein LKW einmal auf die Überholspur wechselt, dann hupen und blinken die PKWs, weil sie sich gestört fühlen und für kurze Zeit abbremsen müssen. 

Besonders gefährlich sind Nachtfahrten zwischen 2 und 5 Uhr morgens. Das hängt mit unserer inneren Uhr zusammen, mit dem Biorhythmus. In dieser Zeit ist der Körper, ob er darf oder nicht, auf Schlaf eingestellt und so steigt die Wahrscheinlichkeit, einmal kurz wegzunicken. Der Sekundenschlaf dauert beim Autofahren nur sehr kurz. Gemessen wurden Zeiträume von 0,2 bis 5 Sekunden. Von Zugführern dagegen ist bekannt, dass sie sich auch einmal bis zu 30 Sekunden verabschieden. Bei Airlinepiloten können das sogar bis zu 2 Minuten sein. 

 

Wachheit messen

 


Wie lässt sich Wachheit feststellen? Lässt sich Müdigkeit messen und woran kann man selbst erkennen, wie wach man gerade ist? „Wachheit oder Schläfrigkeit kann man ganz schwer von außen durch Beobachtung oder Untersuchung des Betroffenen feststellen“, so Prof. Barbara Wilhelm von der Universitäts-Augenklinik in Tübingen, die sich seit Jahren mit dieser Thematik beschäftigt. „Man kann ihn natürlich fragen, aber die meisten Menschen können nicht gut oder überhaupt nicht beurteilen, wie einschlafgefährdet sie sind. Darin liegt gerade die Gefahr des Sekundenschlafs. Es gibt unterschiedliche Verfahren, z. B. in schlafmedizinischen Zentren, Schläfrigkeit zu messen. Man kann dies tun, indem man den Betroffenen mehrmals am Tag in einem dunklen Raum hinlegt und unter Ableitung der Hirnströme feststellt, wie lange es dauert, bis er einschläft. Das ist recht zeitaufwendig: Dazu braucht man Personal, und der Betroffene muss sich einen ganzen Tag lang bereithalten. Oder man kann durch bestimmte Konzentrations- oder Leistungsaufgaben indirekt festzustellen versuchen, wie schläfrig jemand ist. Doch das funktioniert nur sehr ungenau.“ 

Barbara Wilhelm hat mit ihrem Team ein Testgerät entwickelt, den Pupillografen, mit dem man relativ zuverlässig den Grad der Wachheit oder Schläfrigkeit eines Menschen messen kann. „In einem Teil unseres Gehirns, dem Hirnstamm, gibt es einen Wachheit steuernden Kern“, erläutert Wilhelm, „und dieser Kern, eine Gruppe von Nervenzellen,  steuert maßgeblich unser Wach- und Schlafverhalten. Und genau dieser Kern ist dafür zuständig, wie sich unsere Pupille in Dunkelheit verhält. Wenn dieser Kern also Schläfrigkeit signalisiert, dann bewegt sich unsere Pupille im Dunkeln hin und her. Das heißt, die Pupille wird kleiner und wieder größer. Es ist so, als würden wir aus einem Luftballon dann Luft herauslassen und langsam wieder hineinblasen. Dieses Phänomen kann man auch mit dem bloßen Auge bei der Untersuchung feststellen und in bestimmten Messgrößen erfassen.“

 

Ursachen für Schläfrigkeit

 

Schlaflexikon: Schläfrigkeit


Schläfrigkeit kann viele Ursachen haben. Diplompsychologin Sabine Eller, Leiterin des Schlaflabors der Klinik Schillerhöhe: „Teilweise können wir etwas dafür, teilweise tritt sie gegen unseren Willen ein. Es kann zum Beispiel sein, dass die Missachtung bestimmter Regeln, die dem gesunden Schlaf zuträglich sind, unseren Schlaf beeinflusst. Das wäre etwa eine zu kurze Ruhezeit, die wir sträflicherweise über Tage, über Wochen durchhalten. Es können aber auch Folgen von Schichtarbeit sein, die uns nicht regelmäßig schlafen lassen und dann, wenn wir schlafen könnten, durch den Rhythmus, der uns nicht gemäß ist, vielleicht zu Schwierigkeiten führen. 

Es gibt auch Verhaltensweisen wie starkes Rauchen vor dem Schlafengehen oder große Essensmengen, auch starker Alkoholgenuss, Koffein, Tein oder Aufputschmittel, die wir bewusst oder unbewusst zu uns nehmen und die die Schlafqualität beeinträchtigen. Ferner wissen wir, dass auch Krankheiten unseren Schlaf beeinträchtigen. Dies könnte die Krankheit der unruhigen Beine sein, die manche bewusst beim Einschlafen noch wahrnehmen, woran viele aber selbst nach einem erschwerten Einschlafen in der Nacht noch weiter leiden. Diese unruhigen Beine verändern die Schlafqualität, vermindern sie und lassen die Betroffenen erst in den frühen Morgenstunden in Schlaf fallen.“

 

Schläfrigkeit erkennen

 


Die Augen beginnen langsam zu brennen, das Augenzwinkern wird häufiger, gleichzeitig aber auch langsamer, und die Pupillen verengen sich zunehmend. Außerdem beginnt man zu frösteln. Man gähnt überdurchschnittlich viel, reagiert nicht mehr so schnell wie sonst und macht mehr Fehler beim Fahren, übersieht Verkehrsschilder oder Ausfahrten. Es fällt einem schwer, die Spur zu halten. Ein weiteres typisches Anzeichen ist schlechte Laune – man wird plötzlich nervös oder aggressiv und regt sich über Sachen auf, die einen normalerweise kalt lassen würden. Oft kann man sich gar nicht mehr an die letzten gefahrenen Kilometer erinnern oder hat das Gefühl, nicht zu wissen, wo man ist. Und vielleicht fallen einem sogar für den Bruchteil einer Sekunde die Augen zu – das ist aber dann wirklich schon Alarmstufe Rot. Wer jetzt nicht auf seinen Körper hört und eine Pause macht, läuft Gefahr, dass er sein Auto – wenn auch nur für kurze Zeit – führerlos und damit unkontrolliert lässt. 

Es ist sehr wichtig, auf die ersten Warnzeichen von Schläfrigkeit zu achten, wenn man fährt, denn die Gefahr besteht darin, dass wir gar nicht sicher bemerken und nicht einschätzen können, wie nah wir an einem Einschlafereignis sind. Doch  dass wir müde sind, merken wir, und dies ist eigentlich unser bestes Frühwarnsystem. 

Doch auch der Sekundenschlaf mit offenen Augen ist tückisch, denn in diesem Zustand verarbeitet das Gehirn die Wahrnehmungen der Augen so gut wie gar nicht mehr bzw. zu langsam, sodass eine Reaktion zu lange dauert. So verlängert sich die Reaktionszeit schon nach einer vierstündigen Nonstop-Fahrt um 50 %. Das bedeutet, dass sich das Unfallrisiko verdoppelt. Nach sechs Stunden Fahrt ohne Unterbrechung steigt es sogar auf das Achtfache. Ein müder Fahrer reagiert nicht nur langsamer und beurteilt Situationen häufig falsch, sondern er überschätzt auch die eigene Leistungsfähigkeit. 

 

Den Mikroschlaf austricksen!

 


Das beste Mittel gegen Schläfrigkeit ist zunächst einmal, dass man vor einer weiten Fahrt nach einem langen Arbeitstag ausreichend schläft. Das ist natürlich nicht immer möglich, vor allem dann, wenn Fahrer in ihrem Fahrzeug in unbequemen Kabinen Lärm und Hitze ausgesetzt sind. So schläft man schlecht.  Dagegen hilft nur ein Kurzschlaf. Auch bei Tag! Dieses Powernapping von zehn bis fünfzehn Minuten ist das Allerwirksamste, was man gegen Schläfrigkeit tun kann. Besonders wirksam ist es, diesen Kurzschlaf mit Koffein zu kombinieren. Den Kaffee sollte man schon vor dem Kurzschlaf trinken. Er braucht ungefähr 20 Minuten, um seine Wirkung zu entfalten. 

 

Auch Krankheiten machen müde

 


Akute Schläfrigkeit rechtzeitig zu erkennen und dann nicht einfach weiterzufahren, sondern etwas dagegen zu tun, ist das eine. Aber damit ist das Problem nur vorübergehend gelöst. Wer nachts schlecht schläft und sich dadurch tagsüber ständig unausgeruht fühlt, der leidet möglicherweise an einer Schlafstörung, die ärztlich diagnostiziert und behandelt werden muss. Besonders häufig ist es eine Schlafapnoe, also das krankhafte Schnarchen mit den immer wiederkehrenden Atemaussetzern. Wer unter Schlafapnoe leidet und das weiß, macht sich strafbar, wenn er sich hinter das Steuer setzt und einen Unfall verursacht. Schlafapnoe lässt sich leicht diagnostizieren und behandeln.