16/02 2018

Sexsomnia & Co.: Wenn der Bettpartner morgens nicht mehr weiß, was er nachts so alles getrieben hat

Von Marion Zerbst

Es kommt gar nicht so selten vor, ist aber nach wie vor ein Tabuthema – nicht zuletzt, weil viele Betroffene sich schämen, ihrem Arzt davon zu berichten: abnormales sexuelles Verhalten während des Schlafs. Das Spektrum dieser „Sexsomnien“ ist breit: Es kann von Masturbation, Stöhnen oder Streicheln des Partners bis hin zum Geschlechtsverkehr oder gar zur Vergewaltigung im Ehebett reichen. Nicht nur Männer, sondern auch Frauen sind betroffen; nur fällt es bei ihnen weniger auf, da sie in solchen Situationen weniger zu gewalttätigem Verhalten neigen. Meist sind es die Frauen, die den Mann zum Arztbesuch drängen, weil sie unter seinen nächtlichen Übergriffen leiden. 

Das Seltsame daran: Dieses Verhalten hat nichts mit Perversion oder einem zu starken Sexualtrieb zu tun, und die Betroffenen leiden auch nicht unter Sexmangel. Darin ähnelt die Sexsomnie anderen Parasomnien wie beispielsweise nächtlichem Essen, das normalerweise ebenfalls nicht auf Hunger oder „Fresssucht“ zurückzuführen ist. 


Eine CPAP-Therapie kann die nächtlichen Sexattacken beheben

Inzwischen weiß man, dass dieses seltsame nächtliche Verhalten ganz andere Ursachen hat: Oft tritt es nämlich im Anschluss an eine kurze Weckreaktion (Arousal) auf, die beispielsweise durch einen Atemaussetzer bei Schlafapnoe oder durch heftiges nächtliches Zähneknirschen verursacht wurde. Diese Weckreaktion versetzt den Schläfer in einen Zustand der Schlaftrunkenheit, in der er seine seltsamen Aktionen ausführt. Nicht selten leiden die Betroffenen gleichzeitig auch noch an einer ganzen Reihe anderer Parasomnien wie beispielsweise Schlafwandeln oder Sprechen im Schlaf. Manchmal ist auch Alkohol ein auslösender Faktor für die Sexsomnie – vor allem bei Männern.

An der Ursache orientiert sich auch die Therapie: Bei fast allen Patienten legt sich das seltsame sexuelle Verhalten, wenn man ihre Schlafapnoe mit einem CPAP-Gerät oder einer Unterkieferprotrusionsschiene behandelt. Zähneknirschen-de Patienten sollen einer zahnärztlichen Behandlung (z. B. Anpassung einer Knirscherschiene oder Biofeedback-Therapie) zugeführt werden. Das nächtliche Knirschen schädigt nämlich auf Dauer die Zähne und kann auch zu Schmerzen in der Kaumuskulatur führen. Die Einnahme eines Medikaments namens Clonazepam, das normalerweise bei der Behandlung von Epilepsien zum Einsatz kommt, hilft ebenfalls gegen die unerwünschten nächtlichen Aktivitäten. 

Eine solche Therapie ist durchaus sinnvoll, da diese sexuellen Aktivitäten manchmal bis zur Gewaltanwendung (z. B. Würgen oder Vergewaltigung der Bettpartnerin) gehen können. Außerdem belasten sie die Beziehung und stören den Schlaf.

Keine falsche Scham!

Deshalb empfiehlt Parasomnie-Experte Prof. Carlos Schenck, dessen Vortrag ein absolutes Highlight auf der diesjährigen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Zahnärztliche Schlafmedizin (DGZS) war, sich nicht durch falsche Scham vom Arztbesuch abhalten zu lassen, wenn man unter solchen nächtlichen Symptomen leidet. Dahinter kann nämlich auch eine ernsthafte Erkrankung stecken: Eine häufige Ursache für abnormales Verhalten während des Schlafs ist die REM-Schlaf-Verhaltensstörung, die hauptsächlich bei Männern vorkommt und bei der der Schläfer seine (meist aggressiven oder sexuell gefärbten) Träume ausagiert. Diese Verhaltensstörung ist häufig Vorbote einer neurodegenerativen Erkrankung: Immerhin 60 bis 70 Prozent der Patienten, die darunter leiden, entwickeln nach 10 bis 30 Jahren Morbus Parkinson oder eine andere neurodegenerative Erkrankung. 

Auch die REM-Schlaf-Verhaltensstörung ist übrigens keineswegs Anzeichen einer besonders aggressiven Persönlichkeit des Schläfers und hat auch nichts mit traumatischen Erlebnissen in seinem Vorleben zu tun, sondern geht auf eine Störung der Motorik im Schlaf zurück: Normalerweise ist unsere Muskulatur während des REM-Schlafs (in dem wir unsere lebhaftesten Träume haben) gelähmt, damit wir die Träume nicht ausleben und uns und andere Menschen dadurch in Gefahr bringen können. Bei der REM-Schlaf-Verhaltensstörung ist diese motorische Hemmung aufgehoben – so kommt es zu den aggressiven und manchmal sexuellen Handlungen während des Schlafs. Weckt man die Schläfer auf, so erzählen sie von Träumen, die sich erstaunlich genau mit ihren Aktionen während des Schlafs decken – bis hin zum Japaner, der während einer Videopolysomnografie dabei gefilmt wurde, wie er mit dem Samuraischwert auf einen imaginären Gegner einschlug. 

Diese Erkrankung betrifft vorwiegend ältere Männer um die 60 Jahre. Für die Diagnostik ist ein Aufenthalt im Schlaflabor notwendig. Da die REM-Schlaf-Verhaltensstörung der Entstehung einer solchen neurodegenerativen Erkrankung um Jahre vorausgehen kann, wird Betroffenen empfohlen, sich bei einer neurologischen Fachklinik, die auf solche Erkrankungen spezialisiert ist, in Behandlung zu begeben. Außerdem besteht die Möglichkeit, an Studien teilzunehmen, in deren Rahmen die Patienten engmaschig kontrolliert werden und die bestmögliche medizinische Versorgung erhalten. (Die Forschungsaktivitäten über die REM-Schlaf-Verhaltensstörung in Deutschland werden von der Klinik für Neurologie an der Universität Marburg koordiniert; Ansprechpartner: Frau Sittig, Tel.: 06421-586 5215.)

Im Übrigen hilft auch diesen Patienten die Gabe von niedrigdosiertem Clonazepam vor dem Schlafengehen; manchmal lässt sich auch mit Melatonin ein Behandlungserfolg erzielen. Allerdings kann man mit diesen Medikamenten nur die unerwünschten nächtlichen Aktivitäten beheben, nicht aber dem Fortschreiten der REM-Schlaf-Verhaltensstörung zu einer Parkinson-Krankheit oder Demenz vorbeugen. 

Wenn nachts der Kühlschrank geplündert wird

Eine weitere gar nicht so seltene Parasomnie ist das Essen während des Schlafs. Im Gegensatz zur REM-Schlaf-Verhaltensstörung tritt diese schlafbezogene Essstörung, die meist im jungen Erwachsenenalter beginnt und oft mit Schlafwandeln einhergeht, hauptsächlich bei Frauen auf. Menschen, die im Kindesalter geschlafwandelt sind oder an einer anderen schlafbezogenen Erkrankung (z. B. Schlafapnoe oder Restless Legs Syndrom) oder Essstörung leiden, scheinen ein erhöhtes Risiko dafür zu haben.

Auch die „Schlaf-Esser“ erinnern sich am nächsten Morgen häufig nicht mehr an ihre nächtliche Fressorgie. Und zu allem Übel ernähren sich Menschen, die während des Schlafs essen, normalerweise nicht gesund, sondern bevorzugen eher hochkalorische Lebensmittel wie Süßigkeiten, Nudeln oder Erdnussbutter und konsumieren manchmal sogar ungenießbare Dinge wie Zigaretten oder Kaffeebohnen. 

Es liegt auf der Hand, dass Menschen, die unter dieser Parasomnie leiden, nicht nur am nächsten Morgen unausgeschlafen sind, sondern oft auch zunehmen und außerdem durch den Verzehr schädlicher Substanzen ihre Gesundheit gefährden. Falls im Liegen gegessen wird, besteht außerdem Erstickungsgefahr. Daher sollte auch diese schlafbezogene Erkrankung unbedingt behandelt werden. Auch hier erfolgt die Therapie meist durch Medikamente: Helfen können Antiepileptika wie Topiramat, aber auch Pramipexol, ein Mittel, das normalerweise zur Behandlung der Parkinson-Krankheit eingesetzt wird. Wurde die schlafbezogene Essstörung durch Arzneimittel wie beispielsweise Zolpidem, Lithium oder Neuroleptika ausgelöst, so sollten diese Medikamente abgesetzt werden. 

 

FALLBEISPIELE
 

Zu wenig Sex?

Mehrmals in der Woche weckt Peter W. seine Frau Carla* mitten in der Nacht mit eindeutigen Annäherungsversuchen: Er drängt sich an sie heran, streichelt sie und will Sex mit ihr haben. Meistens geschieht das, nachdem er bereits zwei bis drei Stunden geschlafen hat, und Carla W. fällt auf, dass dieser nächtliche Geschlechtsverkehr irgendwie anders ist als ihr „normales“ Liebesleben vor dem Einschlafen: Er ist heftiger, wilder, und oft murmelt Peter W. dabei auch Obszönitäten vor sich hin. Gegen die Leidenschaft hat Carla W. nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil – nur auf das „Dirty Talking“ könnte sie gerne verzichten. Manchmal steht Peter W. nach dem Schäferstündchen sogar mitten in der Nacht auf und geht unter die Dusche. Dass mit ihrem Mann etwas nicht stimmt, wird Carla W. erst klar, als er ihr eines Tages vorwirft, sie hätten zu wenig Sex: „Wir schlafen doch fast jede Nacht miteinander“, sagt sie daraufhin fassungslos. „Du erinnerst dich nur nicht daran!“
 

Zeltabenteuer mit dramatischem Ausgang

Schon lange haben sich die Kinder darauf gefreut, in den Sommerferien mit ihrem Vater in einem Zelt im Garten übernachten zu dürfen. Leider erweist sich dieses Abenteuer zu dritt nicht als ungetrübtes Vergnügen: Immer wieder wird Hubert K. durch seinen Sohn geweckt. Endlich sinkt er erschöpft in einen tiefen Schlaf, aus dem er jedoch ebenfalls bald unsanft wieder herausgerissen wird – diesmal durch die Schreie seiner kleinen Tochter, die er während des Schlafs unsittlich berührt hat. Daraufhin erzählt seine Frau ihm, dass er auch im Ehebett schon öfters ungewöhnliche Verhaltensweisen gezeigt habe – von lautem Zähneknirschen bis hin zu nächtlichem Masturbieren. Beschämt und entsetzt sucht Herr K. einen Arzt auf, der ihm ein Arzneimittel verordnet. Daraufhin bessern sich seine Probleme. 
 

Der Mann, der seine Frau mit einem Apfel verwechselte

Frank M. hat schon viele gescheiterte Beziehungen hinter sich: Vier Ehen und drei Lebenspartnerschaften sind in die Brüche gegangen. Das Problem: Er neigt dazu, seine Partnerinnen nachts sexuell zu attackieren, wobei er manchmal leider auch gewalttätig wird. Am nächsten Morgen kann er sich an nichts mehr erinnern. 

Auch seine jetzige Frau leidet sehr unter dem Problem. Als er sie eines Nachts heftig ins Ohr beißt und ihr (nachdem sie ihn empört geweckt hat) erklärt, er habe geträumt, in einen saftigen Apfel hineinzubeißen, reicht es ihr: Sie besteht auf einem Arztbesuch, zu dem sie ihren Mann begleitet. Denn sie will ihn nicht verlieren, aber auch nicht so weiterleben, und getrennte Schlafzimmer kommen für sie nicht in Frage. 

Der Arzt stellt eine ungewöhnliche Diagnose: Sexsomnia – sexuelle Aktivitäten während des Schlafs, die dem Patienten nicht bewusst sind, für die er also auch nichts kann. Die Befragung ergibt, dass Herr M. schon als Kind verschiedene ungewöhnliche Schlafverhalten wie Schlafwandeln und nächtliches Essen gezeigt hat. Eine Untersuchung im Schlaflabor zeigt außerdem, dass er an einer obstruktiven Schlafapnoe leidet. Der Arzt verschreibt Herrn M. ein Medikament und leitet eine CPAP-Therapie ein. Daraufhin verschwinden seine nächtlichen Sexattacken innerhalb kürzester Zeit, und sein Eheleben verläuft wieder glücklich und harmonisch. 
 

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

Das Schlafmagazin 1-2018
Foto: © canstockphoto/Palau

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