08/11 2006

Sexualität bei Narkolepsie

von Dipl.-Psych. Renate Wehrle und Dr. Pierre Beitinger
Max-Planck-Institut für Psychiatrie, München 

Sexualität allgemein
Sexualität stellt natürlich ein sehr komplexes Thema dar, bei dem viele kulturelle, soziale, psychologische und biologische Faktoren eine Rolle spielen. Das Verstehen von sexuellen Funktionen beginnt jedoch nicht zuletzt mit dem Verstehen, wie sexuelle Reaktionen ablaufen und auch wo und wie Hirnregionen und Botenstoffe darin eingebunden sind. So weiß man heute, dass Gene, die das Immunsystem bestimmen, auch einen gewissen Einfluss auf unsere Partnerwahl haben. Dies konnte nicht nur bei Tieren, sondern auch bei Menschen anhand von Vorlieben für den Geruch von Partnern gezeigt werden, den man sprichwörtlich „gut riechen“ kann. Der Zustand der Verliebtheit teilt einiges mit der Wirkung von Drogen: Botenstoffe wie Dopamin oder Phenylethylamin stimulieren das Belohnungszentrum im Gehirn. Sie wirken ähnlich dem Amphetamin Ecstasy und erzeugen ein Hochgefühl – oder bei Liebeskummer regelrecht entzugsähnliche Symptome.

Wissenschaftlich hatte sich zuerst der Biologe Alfred Kinsey in den 50er Jahren durch umfangreiche Interviews dem Themenkreis der menschlichen Sexualität genähert. Seine Ergebnisse, die großteils heute noch Gültigkeit besitzen, zeigen die Häufigkeit verschiedener sexueller Verhaltensweisen auf. Er sammelte dabei auch wesentliche Erkenntnisse zu homosexuellem Verhalten, der Masturbation und dem Orgasmus, was damals noch ein absolutes Tabuthema war. 

„Sexualität ist der einzige weiße Fleck auf der Landkarte der Wissenschaft“, nach diesem Motto begannen die Wissenschaftler William H. Masters und Virginia E. Johnson in den 60er Jahren die körperliche Seite der sexuellen Reaktion zu untersuchen. Auf ihren Studien basiert bis heute die Einteilung der vier Phasen im Ablauf einer sexuellen Reaktion: 

• Erregungsphase

• Plateauphase

• Orgasmus

• Rückbildungsphase.

Diese können in unterschiedlichen Längen, mit mehreren, verfrühten oder ausbleibenden Orgasmen auftreten. So dauert es im statistischen Mittel länger, bis bei Frauen ein Orgasmus erreicht wird als bei Männern, die so genannte „Orgasmuslücke“. Masters und Johnsons Verdienst war es auch, die Häufigkeit sexueller Probleme zu einem öffentlichen Thema zu machen und Behandlungsmethoden zu etablieren.

Sexuelle Funktionsstörungen
Im weitesten Sinne umfassen sexuelle Funktionsstörungen eine Beeinträchtigung des sexuellen Erlebens und Verhaltens in Form von ausbleibenden, reduzierten oder unerwünschten Reaktionen. Darunter zählen neben frühzeitigen Orgasmen und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr auch Störungen der sexuellen Appetenz (d. h. der „Lust auf die Lust“) und mangelnde Befriedigung. Obwohl sexuelle Funktionsstörungen eines der häufigsten Störungsbilder darstellen (einer aktuellen Studie zufolge schilderten 43% der Frauen und 35% der Männer mindestens eine sexuelle Störungsform im vergangenen Jahr), so ist der Kenntnisstand darüber nach wie vor eher mangelhaft. Methodische Probleme wie Künstlichkeit von Laboruntersuchungen oder hohe Subjektivität und Verweigerungsrate bei Befragungen erschweren solide empirische Untersuchungen.

Besser dokumentiert noch ist die Situation bei Männern (was nicht zuletzt auch auf Interesse der Pharmaindustrie zurückgeht). Zu den männlichen Funktionsstörungen zählen vor allem

• Erektionsstörungen (ca. 19% der 30- bis 80-Jährigen, davon ca. 8% behandlungsbedürftig, nimmt mit Alter zu)

• Orgasmusstörungen (35–40% vorzeitig, 1–10% Orgasmushemmung, nicht altersabhängig)

• Appetenzstörungen (12–15%).

 

Bei den weiblichen Funktionsstörungen werden häufig genannt:

• Appentenzstörungen (30–40%, umfasst Mangel/Verlust an sexuellem Verlangen und auch sexuelle Aversion)

• Erregungsstörungen (4–77%, altersabhängig)

• Orgasmusstörungen (5–25%)

• Vaginismus und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (Dispareunie, 10–15%).

Die teils stark schwankenden Zahlen stammen aus unterschiedlichen Studien, die mit unterschiedlichen Messmethoden erhoben wurden – verdeutlichen aber dadurch auch die noch bestehenden Unsicherheiten auf dem Gebiet. 

Noch zu nennen ist, 

• dass es bei diesen Problembereichen immer auch graduelle Abstufungen gibt

• dass für beide Geschlechter zu gelten scheint, dass Appetenzstörungen, d. h. mangelnde Lust auf die Lust, zunehmend häufiger genannt werden. Sie können sich als Erektionsstörungen tarnen bzw. werden durch Einsatz von Pharmaka „demaskiert“

• dass ein Ausbleiben des Orgasmus beim Koitus noch keine Orgasmusstörung darstellt

• dass eine deutliche Diskrepanz zwischen Behandlungsbedarf und Inanspruchnahme besteht – aufgrund Hemmung seitens des Patienten, aufgrund Unterschätzung und mangelnder Kenntnis seitens der Behandelnden: das „84%-Problem“.

 

Sexualität bei Narkolepsie
Gibt es sexuelle Problembereiche, die bei Narkolepsie gehäuft oder speziell auftreten?

Bislang gibt es dazu kaum Untersuchungen und Veröffentlichungen. Karacan (1992) nennt, mit – männlichen – Fallbeispielen unterlegt:

• Libidoverlust aufgrund von Müdigkeit

• Kataplexie bei Erregung

• arzneimittelinduzierte sexuelle Dysfunktion (v. a. durch Antidepressiva)

• Nebenwirkung aufgrund von Diabetes mellitus (bei Narkolepsie gehäuft)

Ein Fallbeispiel:
Neben den durch starke emotionale Erregung auch im sexuellen Bereich auslösbaren Kataplexien ist das „alltägliche“ sexuelle Erleben vor allem durch die erhöhte Tagesschläfrigkeit in Mitleidenschaft gezogen. Karacan schildert dazu Herrn H. (73 Jahre), der berentet ist und seit vielen Jahren unter erhöhter Tagesmüdigkeit leidet. Diese Schläfrigkeit, die in ähnlichen Formen auch bei Patienten mit Schlafapnoe oder Hypersomnie auftreten kann, geht mit einer reduzierten Aktivierbarkeit des autonomen Nervensystems einher. Somit wird sowohl die Libido als auch die körperliche Erregbarkeit reduziert, und im weiteren Kontext natürlich bereits das Interesse an sozialen Kontakten per se herabgesetzt.

Auch wenn umfassende Studien fehlen, das große Interesse an einem Workshop auf der Herbsttagung der DNG spiegelte die Wichtigkeit des Themas wider. Den Teilnehmern sei an dieser Stelle für die offene und rege Beteiligung gedankt! Mitunter fiel in den Diskussionen die Abgrenzung zu allgemein verbreiteten Störungen im Bereich der Sexualität etwas schwer, aber einige Beschwerden wurden sehr offensichtlich von mehreren Teilnehmern geteilt. Sehr aufgeschlossen sind viele der Bitte nach freier Meinungsäußerung (schriftlich auf Karten) zur Sexualität bei Narkolepsie nachgekommen. Im Folgenden sollen die Anzahl der Nennungen zu verschiedenen Problembereichen, soweit eindeutig zuzuordnen, kurz dargestellt werden (Mehrfachzählungen; die Symbole repräsentieren das Geschlecht des jeweiligen Verfassers; es hatten mehr Frauen Stellung genommen).

 

Unlust und mangelnde Erregungsfähigkeit stellen sowohl aus Sicht der Betroffenen als auch der Partner die stärkste Beeinträchtigung dar („Müdigkeit wird immer als Missachtung oder Desinteresse interpretiert“). Vereinzelt wurde das Vermeiden von näheren Kontakten aufgrund von Beziehungsängsten sogar als noch gravierender erlebt. Der eine oder andere Teilnehmer schilderte nur mäßige Beeinträchtigungen, jedoch kann es auch bis zum vollständigen Erliegen der Sexualität in einer Partnerschaft aufgrund der Narkolepsie, im schlimmsten Fall zur Trennung kommen. „Nimm’s nicht persönlich – kann sein, dass ich einschlafe“ ist nicht für jeden Partner eine erträgliche Situation.

Ein abgesprochener und gut geplanter Zeitpunkt („am besten morgens – am besten abends“), oder aber auch absolute Spontaneität kann ein Gelingen des Kontaktes fördern, auch bei Patienten, die schwer betroffen sind. Eine Kommunikation über die erlebten Symptome und die individuellen Vorstellungen beider Seiten steht jedoch an erster Stelle. Mitunter mag ein humorvoller Zugang zu dem Thema („Du hast eine umwerfende Wirkung“) etwas Verkrampftheit aus der Situation nehmen …

Neben den Antidepressiva können auch einige Stimulanzien die sexuelle Erregbarkeit (sowohl die Libido als auch die körperliche Fähigkeit) deutlich reduzieren, bei Frauen wie bei Männern. Auch dies ein Punkt, bei dem (neben einem Gespräch mit dem behandelnden Arzt) eine genauere „Planung“ in Bezug auf Einnahme der Medikamente ein erfüllteres Sexualleben ermöglichen kann. Hinzu kommt noch das Thema der zuverlässigen Verhütung, da einige Medikamente den Abbau und die Wirkung anderer Medikamente beeinträchtigen können. Durch die Einnahme von Modafinil kann so die Wirkung oraler Verhütungsmittel (Anti-Baby-Pille) beeinträchtigt werden. Sowohl der behandelnde Schlafmediziner als auch der Gynäkologe sollten dazu zu Rate gezogen werden.

Definition sexueller Gesundheit nach der WHO 2002:

• Sexuelle Gesundheit bezeichnet einen Zustand von physischem, emotionalem, geistigem und sozialem Wohlergehen im Zusammenhang mit Sexualität; es ist nicht nur das Fehlen von Krankheit, Dysfunktion oder Schwäche. 

• Sexuelle Gesundheit basiert auf einer positiven und respektvollen Grundhaltung gegenüber Sexualität und sexuellen Beziehungen wie auch auf der Möglichkeit, angenehme und sichere sexuelle Erfahrungen zu machen, ohne Zwang, Diskriminierung und Gewalt.

• Um sexuelle Gesundheit zu erlangen und zu erhalten, müssen die sexuellen Rechte aller Personen respektiert, geschützt und erfüllt werden.

Oder, kurz gefasst:

… die eigene Sexualität ins Leben integrieren

… Lust daraus gewinnen

… wer will, kann sich fortpflanzen

Ausgabe-4-2006

Dipl.-Psych. Renate Wehrle und Dr. Pierre Beitinger
Max-Planck-Institut für Psychiatrie, München 


Quellen: 

• Issidorides Diana: Atlas der Liebe. mvg Verlag 2003

• Baier KM, Hartmann U, Bosinski HAG: Bedarfsanalyse zur sexualmedizinischen Versorgung. 

• Sexuologie 7, 2000

• Karacan I et al.: Sexual Dysfunction in Men with Narcolepsy. Loss, Grief & Care 5, 1992


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