12/06 2017

Smartphone-Apps: Verhelfen sie uns wirklich zu einem gesünderen Schlaf?

Dank technischer Innovationen werden schlafmedizinische Diagnoseverfahren und Therapien künftig breiter einsetzbar sein. Schon heute kann man mit Smartphones Körpersignale messen, auswerten, visualisieren und versenden. Diese Fähigkeiten lassen sich natürlich auch für die Schlafmedizin nutzen. Allerdings stehen wir noch ziemlich am Anfang dieser Entwicklung: Bisher sind nur die wenigsten schlafmedizinischen Apps validiert (Validierung = Wertfeststellung, -bestimmung), und keine wurde als Medizinprodukt zugelassen. Viele funktionieren nicht oder zumindest nicht zuverlässig und sind eigentlich nicht mehr als eine nette kleine Spielerei. Vielversprechend scheinen bisher nur Schlafpositions-Apps zur Verhinderung der Rückenlage zu sein.

Katja Kaimann

Viele Menschen sind geradezu besessen davon, ihre Schritte und ihre Kalorien zu zählen, ihre Produktivität bei der Arbeit zu messen und ihren Schlaf zu überwachen: ob er denn auch wirklich erholsam genug ist. 45 % aller Deutschen nutzen Gesundheits-Apps.

Natürlich reagiert der Markt auf diesen Trend: Mittlerweile gibt es in der Schlafmedizin über 700 Apps, die den Geldbeutel wenig belasten, teilweise sogar kostenlos sind – und jeden Monat kommen neue dazu. Mit den Smartphones stehen mittlerweile in fast jedem Haushalt mobile Geräte zur Verfügung, die mit ihrer computerähnlichen Leistung auch für medizinisch-diagnostische Zwecke herangezogen werden können. Mit eingebauten Sensoren (z. B. Mikrofon, Bewegungsanalyse) können die Smartphones Biosignale eines Schlafenden aufzeichnen und speichern – daraus lässt sich schon ein gewisses Schlafprofil ableiten. Manche Apps wollen dem Schläfer sogar die Rückenlage abgewöhnen, damit er nicht mehr so fürchterlich schnarcht. Aber können diese Systeme das wirklich leisten?

Jeden Morgen fit wie ein Turnschuh dank Schlafphasenwecker?
Besonders großer Beliebtheit erfreuen sich Apps, die versuchen, den optimalen Weckzeitpunkt zu ermitteln (nämlich während des Leichtschlafs), um dem Nutzer einen besseren Start in den Tag zu ermöglichen. Denn wer aus dem Tiefschlaf heraus aufwacht, braucht manchmal lange, um sich zu orientieren. Auch ein Erwachen aus dem REM-Schlaf ist nicht optimal – man wird jäh aus seiner Traumwelt gerissen, die einen manchmal auch nach dem Aufwachen noch eine Zeitlang verfolgt. 

Über 30 Apps zum optimalen Weckzeitpunkt gibt es derzeit auf dem Markt. Sie orientieren sich entweder an den Bewegungen des Schläfers oder analysieren seine per Mikrofon aufgezeichneten Atmungsgeräusche. Die kostenlose „Sleep Time“-App von Azumio beispielsweise ermittelt die Schlafphase (und damit auch den optimalen Weckzeitpunkt) anhand der Schlafbewegungen – man braucht das Smartphone nur neben sich aufs Kopfkissen zu legen. Professor Joachim Maurer, Leiter des schlafmedizinischen Zentrums der Universitätsklinik Mannheim, hat die App getestet – mit dem Ergebnis, dass die Treffsicherheit nur bei 80 % liegt. In den anderen Fällen waren die Nutzer entweder schon wach oder wurden aus dem Tiefschlaf gerissen – was solche Apps ja gerade vermeiden wollen. Sein Fazit im Hinblick auf die Smartphone-Apps zur Schlafphasenerkennung oder zum schlafstadienbezogenen Wecken ist nicht ermutigend: Sie wurden bisher noch nicht systematisch mit polysomnografischen Messungen verglichen und validiert und können daher nicht empfohlen werden. Sicherlich richten sie keinen großen Schaden an, nützen aber auch nicht unbedingt viel. Eine nette Spielerei – mehr nicht. 

Schnarchfrei dank Smartphone?
Etwas ermutigender ist die Situation bei den Positionstrainings-Apps für Schnarcher und Schlafapnoiker, bei denen die Probleme hauptsächlich in Rückenlage auftreten. Noch bis vor kurzem konnte man diesem Schnarchtypus nur mit Rückenlageverhinderungswesten (salopp auch als „Schnarchrucksäcke“ bezeichnet) beikommen, die allerdings erfahrungsgemäß früher oder später in die Ecke gelegt werden, weil sie so lästig sind: Denn die ins Rückenteil eingearbeitete Schaumstoffeinlage zwingt den Nutzer zwar tatsächlich, auf der Seite zu schlafen. Problematisch wird es aber, wenn er sich im Schlaf von rechts nach links drehen möchte: Über den Rücken geht das nicht, also muss man sich über den Bauch auf die andere Seite drehen. Das wird von den meisten Schläfern als umständlich empfunden und stört oft auch den Schlaf. 

Inzwischen gibt es Apps, die das Problem auf elegantere Weise lösen. Auch sie funktionieren nach den bereits erwähnten zwei Prinzipien – Geräuschanalyse oder Lageerkennung – und reagieren bei Rückenlage (oder bei Schnarchen und Apnoeverdacht) mit einem Vibrations- oder Tonsignal. So wird dem Patienten die Schlafposition in Rückenlage „abtrainiert“ – und das bei guter Compliance.

Dr. Maurer hat zwei dieser Apps getestet – mit vielversprechenden Ergebnissen. Die Apps „SomnoPose“ und „Apnea sleep position trainer“ werden mit einem Gurt auf der Brust befestigt und weder vom Patienten noch vom Bettpartner als störend empfunden. Beide Apps konnten die Rückenlage bei den Testpersonen deutlich verringern; auch der AHI sank bei fast allen Probanden. Die Compliance (Therapietreue) war mit über 70 % sehr viel höher als bei den bisher verwendeten, unbequemen RLV-Westen. Manche unverbesserlichen Schnarcher lagen allerdings auch weiterhin ab und zu auf dem Rücken! 

Smartphone-App statt Schlaflabor?
Mittlerweile gibt es sogar vielversprechende erste Versuche, periodische Beinbewegungen mithilfe einer Smartphone-App zu erkennen: Ein kabellos mit Sensoren an den Beinen verbundenes Smartphone konnte die Bewegungen detektieren – möglicherweise ein wichtiger erster Schritt zur Diagnostik eines Restless Legs Syndroms via Smartphone. 

„Braucht man uns Schlafmediziner überhaupt noch?“, meldete sich ein Zuhörer des DGSM-Symposiums über Smartphone-Apps in der Schlafmedizin zu Wort – eine sicherlich sarkastisch gemeinte, vielleicht aber auch etwas besorgte Frage. Oder brauchen Menschen mit Schlafproblemen und schlafbezogenen Atemstörungen in Zukunft nachts einfach nur noch ihr Smartphone neben sich zu legen, am nächsten Tag spuckt der Computer die Daten über nächtliche Atempausen aus, und das CPAP-Gerät mit dem bereits richtig eingestellten Therapiedruck wird ein paar Tage später von Amazon geliefert?

Ganz so weit sind wir noch nicht. Denn die Schlafmessung per EEG im Rahmen einer Polysomnografie im Schlaflabor gibt Auskunft über die verschiedenen Schlafstadien, und das kann eine Smartphone-App natürlich nicht leisten. 

Außerdem kann schon allein die nächtliche Nutzung von Smartphones Schlafprobleme verursachen, denn die hierdurch verstärkte Blaulichtexposition lässt uns schlechter einschlafen. Da stellt sich natürlich schon die Frage, wie sinnvoll es überhaupt ist, solche Apps im schlafmedizinischen Bereich zu nutzen. Freilich gibt es auch Apps für Smartphones, die den Blaulichtanteil herausfiltern. Solche Blaulichtfilter sind vor allem für Kinder und Jugendliche sinnvoll, die ihr Smartphone besonders gerne abends im Bett noch nutzen. 

Mit Apps gegen Apnoen
Die App „SomnoPose“ (https://itunes.apple.com/de/app/somnopose-sleep-position-monitor/id408231385?mt=8) (3,99 €) ist für die iOS-Plattform, die App „Apnea sleep position trainer“ (http://www.androidliste.de/item/android-apps/438579/apnea-sleep-position-trainer/) (1,99 €) für die Android-Plattform geeignet. Leider wurde sie nicht für die neue Android-Version nachprogrammiert. Die etwas teurere App „SomnoPose“ hingegen ist auch für die neue iOS-Version geeignet und bietet außerdem noch ein paar interessante Extras: So gibt es z. B. einprogrammierbare Winkelgrade für die Rückenlagedefinition. Außerdem kann man eine Verzögerung bei der Vibration einprogrammieren, sodass man sich über den Rücken auf die andere Seite drehen kann, ohne dass das Smartphone gleich zu vibrieren beginnt.

Das Schlafmagazin 2-2017
Foto: © shutterstock/AlexKaplun

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