09/08 2012

Übergewicht: nur mit Konsequenz zu überwinden

So überlisten Sie den Jo-Jo-Effekt

 

Marion Zerbst

Es ist schwierig, überflüssige Pfunde loszuwerden. Noch schwerer aber scheint es zu sein, hinterher auch dauerhaft schlank zu bleiben: Nur rund 15 % aller Menschen schaffen es, eine erfolgreiche Gewichtsabnahme über mehrere Jahre zu halten. Die meisten nehmen bereits im darauffolgenden Jahr 30 bis 50 % ihres verlorenen Gewichts wieder zu, und nach drei bis fünf Jahren sind sie genauso übergewichtig wie vorher. 

Im Rahmen einer neuen Studie, der „Essen-Bochum Obesity Treatment Study“ (EBOTS), untersuchen deutsche Wissenschaftler über 500 stark übergewichtige (adipöse) Männer und Frauen, um herauszufinden, welche Faktoren für einen langfristigen Gewichtserhalt nach der Gewichtsabnahme wichtig sind.

Dabei wurden verschiedene Personengruppen unter die Lupe genommen: Über 250 Patienten nahmen ein Jahr lang an einem Gewichtsreduktionsprogramm teil, das neben einer Abnahmephase mit Formula-Diät (Optifast®) ein ausgewogenes Ernährungs- und Bewegungsverhalten förderte und entsprechende Verhaltensweisen in Gruppensitzungen unter psychologischer Anleitung besprach. Eine zweite Gruppe von 153 adipösen Männern und Frauen unterzog sich einem chirurgischen Eingriff und ließ sich ein Magenband legen. Als Kontrollgruppe dienten 128 adipöse bzw. 174 normalgewichtige Personen, die nicht an einer Gewichtsabnahme interessiert waren.

Die Studie zeigt, dass diejenigen Patienten, die sich einer chirurgischen Maßnahme unterzogen, sowohl kurzzeitig als auch im Langzeitverlauf den größten Erfolg hatten: Diese Patienten nahmen im ersten Jahr nach der Operation im Durchschnitt fast 37 kg ab; vier Jahre nach dem Eingriff lag ihre durchschnittliche Gewichtsabnahme immerhin noch bei 34,5 kg. Die Behandlungsgruppe, die mittels Formula-Diät plus Verhaltensänderung abgenommen hatte, erreichte im Jahr nach der Behandlung nur eine durchschnitt­liche Gewichtsreduktion von rund 18 kg; und nach vier Jahren war ihr durchschnittlicher Abnehmerfolg auf bloße 3,7 kg zusammengeschmolzen.

 

Viele Übergewichtige haben psychische Probleme

 

Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass stark übergewichtige Menschen häufiger unter psychischen Problemen (vor allem Depressionen, Angst- und Essstörungen) leiden. Zu der Frage, inwieweit solche Probleme sich auf den Gewichtsverlauf auswirken, gibt es unterschiedliche Ergebnisse. So weiß man beispielsweise, dass Depressionen und Verhaltensstörungen in Kindheit und Jugend das Risiko für die Entstehung von Übergewicht im Erwachsenenalter erhöhen. Für erwachsene Menschen ist dieser Zusammenhang allerdings nicht belegt. 

Auch die EBOTS-Studie ging der Frage nach der Auswirkung psychischer Störungen auf das Gewicht nach. Nach der bisherigen Datenanalyse wirkt sich die seelische Situation jedoch nur bei denjenigen Patienten auf den Gewichtsverlauf aus, die sich einer Operation zur Gewichtsreduktion unterzogen. Bei diesen Patienten verschlechterte eine Depression die Chance, das erreichte Gewicht auch langfristig zu halten. Woran das liegt, weiß man nicht genau; möglicherweise laufen depressive Menschen eher Gefahr, in ungesundes Essverhalten zu verfallen, oder es fällt ihnen schwerer, sich an die strengen Ernährungsregeln zu halten, die nach einem solchen Eingriff eingehalten werden müssen. Daher ist anzuraten, in diesen Fällen möglichst rasch therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen und nicht zu warten, bis das Gewicht wieder nach oben geklettert ist.

 

 Ein schwieriger, aber lohnender Weg

 

Was soll man nach den Ergebnissen dieser Studie denn nun tun, um sein Gewicht langfristig zu halten? Hier sind gleich mehrere Verhaltensweisen wichtig: Zunächst einmal muss man lernen, sich beim Essen zu kontrollieren. Zweitens darf man sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen, sondern sollte die einmal erreichten Lebensstiländerungen ständig überprüfen, damit sie einem auch in „Fleisch und Blut“ übergehen. 

Wie man so etwas anstellt, bleibt jedem selbst überlassen; es gibt die verschiedensten Strategien dafür. Manche Leute tragen sich ihre Sporttermine in den Terminkalender ein, um auch wirklich daran zu denken und sich für diesen Zeitpunkt nichts anderes vorzunehmen. Wieder andere verabreden sich zum Joggen oder Schwimmen mit Freunden; denn erstens macht Sport vielen Menschen in der Gruppe mehr Spaß, und zweitens setzt man sich dadurch unter einen gewissen Zugzwang. Zu kontrolliertem Essverhalten gehört, niemals „nebenbei“ zu essen und Mahlzeiten oder Snacks nicht als Belohnung oder Trostpflaster bei Frust und Stimmungstiefs einzusetzen. Nachteilig wirkt sich auch ein Essverhalten aus, das sich an externen Reizen (beispielsweise Uhrzeiten oder Speisenangebot) orientiert. Stattdessen sollte man wieder lernen, auf die Signale seines Körpers (Hunger- bzw. Sättigungsgefühl) zu achten.

Ferner ist eine längerfristige Nachbetreuung vorteilhaft, um den veränderten Lebensstil zu festigen. Wer das Gefühl hat, es allein nicht zu schaffen, sollte sich also Hilfe holen. Grundsätzlich braucht man fürs Gewichtsma­nage­ment einen langen Atem: Adipositas muss als chronische Erkrankung begriffen werden, meint Dr. Tanja Legenbauer, eine der Projektleiterinnen der Studie. Man sollte seinem Gewicht permanent zu Leibe rücken – alle Anstrengungen nützen nichts, wenn die Patienten hinterher wieder in alte Gewohnheiten zurückfallen. Sein Gewicht zu halten, sei eher mit einem lebenslangen Marathon zu vergleichen und ­definitiv keine Kurzstrecke. 

Aber die Mühe lohnt sich – auch im Hinblick auf das seelische Wohlbefinden: Insbesondere bei den operierten Patienten, die stark abgenommen hatten, war ein und zwei Jahre nach dem chirurgischen 

Eingriff eine deutliche Besserung ihrer depressiven Symptomatik und Lebensqualität zu beobachten. Man fühlt sich also wohler, wenn man nicht mehr so viele überflüssige Pfunde mit sich herumschleppt.

 

Die ersten Jahre sind am schwersten

 

Auch andere Studien haben untersucht, wie Menschen es schaffen, ihr Wunschgewicht dauerhaft zu halten, und wie viel man denn überhaupt abnehmen sollte. Sie sind teilweise zu recht ähnlichen Ergebnissen gekommen wie die EBOTS-Studie.

Nicht jeder erreicht durch eine Gewichtsreduktion tatsächlich sein Wunschgewicht. Aber schon mit ein paar Kilo weniger kann man sein Risiko deutlich senken. So weiß man beispielsweise, dass übergewichtsbedingte Risiken und Erkrankungen sich bereits durch eine Gewichtsabnahme von mindestens 5 % des Ausgangsgewichts deutlich bessern lassen – natürlich nur, wenn man das erreichte Gewicht auch hält. 

Optimal wäre es allerdings, mindestens 10 kg abzuspecken: Denn die Erfahrung zeigt, dass Menschen, die weniger als 10 kg verlieren, ein höheres Risiko für eine erneute Gewichtszunahme haben. Außerdem ist die Gefahr einer erneuten Zunahme in den ersten Jahren nach der Gewichtsreduktion am höchsten. 

Wer es also schafft, sein Gewicht zwei oder drei Jahre lang zu halten, kann gelassen in die Zukunft schauen: Ihm wird das Gewichtsmanagement mit der Zeit immer leichter fallen. 

 

Kontrolliert essen – regelmäßig bewegen

 

In den USA wird seit 1994 ein großes Register über mehr als 10000 Personen geführt, die kräftig abgenommen und ihr Gewicht hinterher auch über einen langen Zeitraum gehalten haben. 

Wie haben diese Menschen das eigentlich geschafft? 

Einfach war es nicht: Sie haben sich fettarm ernährt, regelmäßig ihr Gewicht kontrolliert und sich viel bewegt. Nur durch bewusste Ernährung allein schafft es offenbar kaum jemand, dauerhaft abzunehmen. An der Spitze der sportlichen Aktivitäten steht zügiges Gehen oder Walken, gefolgt von Radfahren, Gewichtheben, Joggen, Aerobic und Treppensteigen. Im Vergleich dazu erhöhten Menschen, die nach einer Gewichtsabnahme erneut zunahmen, ihren Fettkonsum nach einer Weile wieder, begannen unkontrollierter zu essen und bewegten sich deutlich weniger. Das Erfolgsrezept ist also eigentlich ganz einfach – aber eben nicht immer leicht umzusetzen: Man muss „dranbleiben“!  

 

Ausgabe-3-2012

Das Schlafmagazin 3-2012
Foto: © Olaru Radian-Alexandru/ScanStockPhoto

Wer Informationen, Hilfe, Beratung zum Thema Adipositas sucht, kann sich an den Adipositas Verband Deutschland wenden. Der Verein wurde 2006 in Dinslaken von Betroffenen und Ärzten ins Leben gerufen und hat deutschlandweit viele Selbsthilfegruppen. 

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