06/06 2007

Unsere Wirbelsäule – ein Widerspruch in sich

Unsere Wirbelsäule muss äußerst stabil, gleichzeitig aber auch sehr beweglich sein und ist tagtäglich einer Vielzahl von Belastungen ausgesetzt: So muss sie nicht nur unser Körpergewicht tragen, sondern auch alle anderen Lasten, die wir ihr zumuten – vom Schleppen schwerer Bierkisten bis hin zum stundenlangen regungslosen Sitzen vor dem Computer. Da ist es kein Wunder, dass heutzutage immer mehr Menschen über Rückenprobleme klagen. Und mit Rückenschmerzen schläft man schlecht...

Marion Zerbst

Unsere Wirbelsäule ist tagtäglich enormen Belastungen ausgesetzt und muss verschiedenste Funktionen erfüllen, die teilweise im Widerspruch zueinander stehen. Zunächst einmal muss sie stabil sein: Sie muss nicht nur unser Körpergewicht tragen, sondern auch zusätzliche Belastungen aushalten, die sich durch unsere Tätigkeiten in Beruf, Alltag und Freizeit ergeben – beispielsweise das Anheben und Tragen von Gewichten, das Bücken bei der Hausarbeit oder Zug- und Stoßbelastungen bei der Ausübung bestimmter Sportarten.

Gleichzeitig muss unsere Wirbelsäule beweglich sein: Wir müssen sie nach vorn und nach hinten beugen und in alle Richtungen drehen können. Auch elastisch muss sie sein, um Dehnbewegungen ausführen zu können.

Zusätzlich haben die knöchernen Strukturen der Wirbelsäule die Aufgabe, unser Rückenmark zu schützen – jene Nervenbahnen, die die Verbindung zwischen dem Gehirn und dem Rest unseres Körpers darstellen und lebenswichtige Funktionen erfüllen. Das Rückenmark bildet zusammen mit dem Gehirn das Zentralnervensystem (ZNS) und ist für die Übermittlung von Informationen zwischen Gehirn und peripheren Nerven zuständig. So leitet es z. B. Sinnesreize, die die Haut aufnimmt, nach oben an das Gehirn weiter und übermittelt motorische Informationen  vom Gehirn an unsere Muskeln. Auch die Entleerung von Blase und Darm und unsere sexuellen Reaktionen werden über das Rückenmark gesteuert. Ohne diesen Teil unseres Nervensystems könnte das Gehirn nicht mit dem restlichen Körper kommunizieren. Daher hat es so verhängnisvolle Folgen, wenn die Nervenleitungsfasern im Rückenmark durch eine Verletzung durchtrennt werden: Dann kommt es zur Querschnittslähmung, das heißt, der Körper ist unterhalb der Schädigungsstelle gefühllos und bewegungsunfähig. 

Ein perfektes Design
Um diese verschiedenartigen Funktionen zu erfüllen, hat sich die Natur für das „Design“ unserer Wirbelsäule einiges einfallen lassen. 

Die Wirbelsäule ist in drei Teile untergliedert: Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule (im Fachjargon: HWS, BWS und LWS). Die Lendenwirbelsäule geht am unteren Ende in das Kreuzbein und das Steißbein über. Unsere Wirbelsäule besteht aus insgesamt 33 bis 34 Wirbeln: sieben Halswirbeln, zwölf Brustwirbeln und fünf Lendenwirbeln. 

Die Wirbelgelenke gewährleisten die Beweglichkeit unserer Wirbelsäule. Muskeln und Bänder verleihen der ganzen Konstruktion einen gewissen Zusammenhalt, damit sie nicht nur beweglich, sondern gleichzeitig auch stabil und vor Extrembewegungen geschützt ist. Deshalb ist eine gut entwickelte Bauch- und Rückenmuskulatur  so wichtig: Sie verleiht unserer Wirbelsäule Stabilität und verhindert Fehlhaltungen und einseitige Belastungen.

Eine besonders wichtige Funktion innerhalb unserer Wirbelsäule erfüllen die Bandscheiben: Das sind ungefähr 5 mm dicke, elastische, verformbare Scheiben, die zwischen den einzelnen Wirbeln liegen. Jede Bandscheibe besteht aus einem Faserring  aus Knorpel und Bindegewebe und dem Gallertkern.

Das ist das Geheimnis der ungeheuren Elastizität und Belastbarkeit unserer Wirbelsäule: Je nachdem, ob wir die Wirbelsäule nach vorn beugen, nach hinten überstrecken oder seitwärts biegen, verlagern sich die Gallertkerne unserer Bandscheiben. Somit fangen sie all unsere Bewegungen, aber auch Stöße, Druck- und Zugbelastungen, denen unsere Wirbelsäule im Alltag immer wieder ausgesetzt ist, ab. Unsere Bandscheiben erfüllen also eine Art Stoßdämpfer- oder Pufferfunktion, tragen aber, wenn sie intakt sind, gleichzeitig zur Stabilität der Wirbelsäule bei. 

Wenn wir sitzen oder schwere Gegenstände tragen, nimmt der Druck auf unsere Bandscheiben zu. Sie werden dadurch bis zu einem gewissen Grad zusammengepresst; doch gleichzeitig setzt der Gallertkern dieser Druckbelastung aufgrund seines hohen Flüssigkeitsgehalts Widerstand entgegen und schützt damit die Wirbelgelenke, die ohne diese zwischen den einzelnen Wirbeln liegenden Puffer ständig aneinanderreiben und rasch abgenutzt werden würden.  

Leider ist dieses komplexe Zusammenspiel unserer Rückenarchitektur ziemlich störanfällig: Ist ein einzelnes Element beeinträchtigt oder geschädigt, so gerät sehr leicht die gesamte Konstruktion aus dem Gleichgewicht. So führen z.B. Fehlhaltungen oder Verspannungen der Rückenmuskulatur auf die Dauer zu einseitiger Belastung und vorzeitigem Verschleiß von Bandscheiben und Gelenken – und umgekehrt: Bandscheibenverschleiß führt zu Fehlhaltungen und schmerzhaften Muskelverspannungen. 

Der Ärger mit der Bandscheibe
Da Bandscheiben kaum durch Blutgefäße versorgt werden, sind sie besonders anfällig für Verschleiß: Sie trocknen leicht aus, werden mit der Zeit dünner, weniger elastisch und rissig. Durch Risse im äußeren Faserring der Bandscheibe aber kann sehr leicht Bandscheibengewebe austreten. Dann kommt es zum Bandscheibenvorfall, der sehr schmerzhaft und oft mit Bewegungseinschränkungen verbunden ist. 

Die Bandscheiben sind ein ganz besonders empfindliches, verschleißanfälliges Glied in der Kette unserer Wirbelsäule. Das liegt zum einen an den enormen Belastungen, denen sie ständig ausgesetzt sind, zum anderen aber auch daran, dass sie nicht über Blutgefäße versorgt werden. 

Immer wenn die Bandscheiben geringem Druck ausgesetzt sind (also etwa im Liegen), nimmt der Gallertkern, der eine hohe Wasserbindungsfähigkeit besitzt, Flüssigkeit aus dem Blut des umliegenden Gewebes auf: Die Bandscheibe vergrößert ihr Volumen und nimmt mit der Flüssigkeit gleichzeitig Nährstoffe auf. 

Bei stärkerer Belastung (z.B. beim Stehen, Sitzen oder Heben und Tragen von Lasten) werden die Bandscheiben zwischen den Wirbeln zusammengepresst; der Gallertkern gibt Flüssigkeit (und damit gleichzeitig auch Stoffwechselschlacken) an das umliegende Gewebe ab. Für einen gesunden Stoffwechsel brauchen unsere Bandscheiben also einen möglichst regelmäßigen Wechsel zwischen Be- und Entlastung.  Leider sieht unser Alltag ganz anders aus: Die meisten Menschen gehen einer sitzenden Tätigkeit nach und gönnen sich auch nach Feierabend nicht viel Bewegung, sondern verlagern ihr Aktivitätsfeld lediglich vom Schreibtischstuhl auf den Fernsehsessel. 

Die Folge: Das gesunde, harmonische Gleichgewicht zwischen Be- und Entlastung ist nicht mehr gegeben; die Bandscheiben werden viel häufiger zusammengepresst und geben Flüssigkeit ab, als dass sie Gelegenheit haben, Flüssigkeit aufzunehmen und sich auszudehnen. Infolgedessen trocknen sie mit der Zeit aus und werden auch nicht mehr richtig ernährt. Ihr Volumen und ihre Elastizität verringern sich; sie können ihre Stoßdämpferfunktion nicht mehr hundertprozentig erfüllen.

Bis zu einem gewissen Grad ist dieser Verschleißprozess unserer Bandscheiben völlig normal und altersbedingt: Das heißt, wir sind nicht nur abends „kleiner“ als morgens, sondern büßen auch im Laufe unseres Lebens einige Zentimeter an Körpergröße ein, weil unsere Bandscheiben allmählich immer flacher werden. 

Risikofaktoren für vorzeitigen Bandscheibenverschleiß
Ein bedeutsamer Risikofaktor ist Übergewicht: Jedes überzählige Pfund belastet die Bandscheiben. Wer bereits Probleme mit dem Rücken hat, sollte daher besonders auf sein Gewicht achten. Zusätzliche Risikofaktoren für einen Bandscheibenschaden sind Wirbelsäulenverkrümmungen, „schlechte Haltung“ und Neigung zu Muskelverspannungen (weil die Bandscheiben dadurch einseitig belastet und daher vorzeitig abgenutzt werden). Auch mangelnde körperliche Betätigung gehört zu den Risikofaktoren.

Die Katastrophe: Bandscheibenvorfall!
Aufgrund des Austrocknungsprozesses können sich in einer abgenutzten Bandscheibe leicht Risse und Spalten bilden. Ist der Faserring erst einmal eingerissen, so hat die in seinem Inneren befindliche weiche Gallertkernmasse keinen ausreichenden Halt mehr: Sie kann sich durch die beschädigte Stelle im Faserring vorwölben. In so einem Fall spricht man von einer Bandscheibenvorwölbung oder -protrusion. Es kann aber auch ein Teil der Gallertkernmasse aus dem Riss im Faserring austreten. Das bezeichnet man als Bandscheibenvorfall (Prolaps). 

Dieses Bandscheibengewebe drückt nun auf die aus dem benachbarten Zwischenwirbelloch austretende Nervenwurzel und verursacht heftige Schmerzen, manchmal auch Lähmungen und andere Ausfallerscheinungen in dem von dem betreffenden Nerv versorgten Körperbereich.  Meist tritt ein solcher Bandscheibenvorfall im Bereich der Lendenwirbelsäule auf, da diese besonders belastet ist.

Häufig tritt ein Bandscheibenvorfall oder eine Bandscheibenvorwölbung als Folge einer besonderen Belastung oder einer plötzlichen Bewegung auf. Was dabei geschieht, kann man sich leicht vorstellen: Der bereits vorgeschädigte Faserring der Bandscheibe reißt durch die plötzliche (oder zu starke) Belastung ein, die Gallertkernmasse tritt aus und reizt die betroffene Nervenwurzel, was heftige Schmerzen hervorruft. Meist schwillt die Nervenwurzel als Reaktion auf den auf sie ausgeübten Druck an und entwickelt einen entzündlichen Reizzustand. 

Typisch für einen Bandscheibenvorfall im Lendenwirbelsäulenbereich sind starke Kreuzschmerzen oder auch Ischiasschmerzen: Das heißt, der Schmerz strahlt bis ins Bein der betroffenen Seite aus. Zusätzlich verspannen sich durch die Schonhaltung, die man in einer solchen Situation unwillkürlich einnimmt, die betroffenen Muskeln, was den Schmerz natürlich noch verstärkt.

Drückt das Bandscheibengewebe noch stärker auf den Nerv, so treten Ausfallerscheinungen hinzu: ein taubes Gefühl oder sogar Muskelausfälle im betroffenen Bein oder Fuß. Unter Umständen hat man ein Schwächegefühl in diesem Bein oder Fuß, kann den Fuß nicht mehr richtig heben, sich nicht mehr auf die Zehen oder die Ferse stellen, stolpert leicht oder knickt beim Treppensteigen im Knie ein. 

Tritt der Bandscheibenvorfall im Bereich der Halswirbelsäule auf, so äußert er sich durch Schmerzen an der entsprechenden Stelle und durch Gefühls- und Bewegungsstörungen in Armen und Händen. Die Ursache des Problems: Das vorgefallene Bandscheibengewebe drückt so stark auf den Nerv, dass seine Leitungsfunktion unterbrochen ist. 

Wenn die Hexe schießt...
Beim Bücken oder beim Anheben einer schweren Einkaufstasche „fährt es einem plötzlich ins Kreuz“, und man hat so starke Schmerzen, dass man sich nicht mehr gerade aufrichten kann. Die volkstümliche Bezeichnung für dieses weit verbreitete und gefürchtete Leiden lautet „Hexenschuss“. 

Nicht immer muss hinter dem gefürchteten „Hexenschuss“ eine Bandscheibenvorwölbung oder ein Bandscheibenvorfall stecken. Es gibt auch noch eine andere mögliche Ursache für diesen plötzlichen, quälenden Kreuzschmerz: So kann es z. B. passieren, dass zwei Wirbelkörper sich bei einer Bewegung gegeneinander verschieben und die Wirbelgelenke sich verkanten. Als Reaktion auf diese Fehlstellung verspannen sich die umliegenden Muskeln, was heftige Schmerzen und eine mehr oder weniger starke Bewegungseinschränkung hervorruft; Lähmungen und Gefühlsstörungen treten bei dieser Art von Hexenschuss jedoch niemals auf. 

Muskelverspannungen sind an der Tagesordnung
Eine andere häufige Ursache von Rückenschmerzen – vor allem im Schulter-Nacken- und im Lendenwirbelsäulenbereich – sind Muskelverspannungen. Hervorgerufen werden sie meist durch Überbelastung oder einseitige Belastung, verbunden mit mangelnder körperlicher Betätigung.

Oft sind in der verspannten Muskulatur kleine, harte, schmerzhafte Knötchen tastbar. Das kommt daher, dass der Muskel nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird, und Stoffwechselschlacken werden nicht mehr richtig abtransportiert. 

Wer vorwiegend morgens nach dem Aufstehen unter Kreuzschmerzen leidet, die dann im Lauf des Tages nachlassen, sollte seine Matratze überprüfen: Durchgelegene Matratzen sind Gift für die Wirbelsäule und führen auf die Dauer zu einem vorzeitigen Verschleiß der Bandscheiben! Denn wenn die Matratze durchhängt (man erkennt dies nach dem Aufstehen deutlich an der Kuhle in der Mitte), biegt sich auch die Wirbelsäule beim Liegen in der Mitte durch, was zu einer ungleichmäßigen Belastung der Bandscheiben führt. 

Wie man sich bettet, so schläft man
Den Schlaf kann vieles stören, vor allem Schmerzen. Rückenschmerzen. Wer seinen Rücken den ganzen Tag über ohnehin strapaziert, braucht in der Nacht für seine Wirbelsäule die bestmögliche Unterlage. Eine gute Matratze allein macht noch kein gutes Bett für den erholsamen Schlaf. Der gute Schlaf fängt mit der Matratzenunterlage an. Die Wirbelsäule muss in Seiten- und Rückenlage ihre natürliche Krümmung einnehmen können. Die Halswirbelsäule darf nicht abknicken. Gott sei Dank sind die martialischen Roste mit Spanngittern oder Spiralfedern inzwischen passé. 

Risiken für bandscheibenbedingte Erkrankungen:

 erbliche Veranlagung (Bindegewebsschwäche)

 Über- und Fehlbelastung der Wirbelsäule in Beruf oder Freizeit (Heben oder Tragen schwerer Gewichte, häufiges Bücken, wirbelsäulenbelastende Sportarten etc.)

 Wirbelsäulenverkrümmungen

 „schlechte Haltung“ (mit gekrümmter Wirbelsäule, durch die die Bandscheiben einseitig belastet werden)

 Neigung zu Muskelverspannungen

 mangelnde körperliche Betätigung

 Rauchen (bei Rauchern kommen Kreuzschmerzen und Bandscheibenvorfälle häufiger vor als bei Nichtrauchern) 

 Knochenerkrankungen (z. B. Osteoporose)

 Stoffwechselerkrankungen (z. B. Schilddrüsenerkrankungen)

 hormonelle Störungen

So quälend die Schmerzen auch sein mögen – ein Hexenschuss ist meist harmlos, und die Beschwerden gehen in der Regel nach ein bis zwei Wochen von selbst zurück; durch Wärmeeinwirkung (Fangopackungen, Heizkissen, Rotlicht, warme Bäder), Einreibungen mit durchblutungsfördernden Salben, Elektrotherapie, Schmerzmittel und entzündungshemmende Medikamente lässt sich der Heilungsprozess unterstützen und beschleunigen.

Ausgabe-2-2007

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