29/05 2012

Wenn uns verstorbene Menschen im Traum begegnen

Prof. Dr. Michael Schredl

Träume spiegeln wider, was uns im Alltag begegnet und beschäftigt. So spielen auch Träume von verstorbenen Personen eine wichtige Rolle. Oft beinhalten sie Erfahrungen, die für den Träumer bzw. die Träumerin sehr hilfreich sein können.

Die folgenden Daten wurden Untersuchungen des Instituts für Demoskopie in Allensbach entnommen und 2005 in einer Fachzeitschrift publiziert. In vier Erhebungswellen (1956 bis 2000) wurden 1000 bis 2000 Personen ab dem 18. Lebensjahr bis ins höhere Alter hinein zu Traumthemen befragt. Dabei wurden verschiedene Themen vorgegeben, und die teilnehmende Person konnte angeben, ob dieses Thema in den letzten Monaten in ihren Träumen vorgekommen war. Sehr deutlich zeigte sich dabei ein Alterseffekt: Ältere Menschen träumen häufiger von Verstorbenen als jüngere. Das ist ein klares Abbild des Wachlebens, da ältere Menschen die Erfahrung, einen nahestehenden Menschen durch Tod zu verlieren, häufiger machen. Ebenso zeigte sich ein deutlicher Geschlechtsunterschied: Frauen gaben öfter Träume von verstorbenen Personen an als Männer. Hier geht unsere Interpretation dahin, dass Frauen häufiger in die Fürsorge und Pflege von älteren und kranken Menschen involviert sind und dadurch der Tod dieser Person in ihrem Innenleben ein stärkeres Gewicht erhält. Diese Untersuchung und ähnliche Studien zeigen, dass verstorbene Personen im Traum ein wichtiges Thema sind.

Träume in der Trauerphase können grob in drei Gruppen aufgeteilt werden, müssen aber nicht genau in dieser Reihenfolge auftreten, sondern spiegeln einzelne Aspekte des Verarbeitungsprozesses wider. In der ersten Gruppe von Träumen taucht die verstorbene Person im Traum auf, es werden gemeinsame Unternehmungen gemacht, das Gefühl der Vertrautheit ist da – so wie es früher gewesen ist, meist vor der Erkrankung oder anderen Belastungen. Nach dem Aufwachen kann eine starke Traurigkeit auftreten, da diese schönen Erfahrungen im Wachleben nun nicht mehr möglich sind. Hier zeigt sich deutlich, dass Träume auf die Inhalte des gesamten Gedächtnisses zurückgreifen und ab und zu auch frühere Erfahrungen aufgreifen, vor allem, wenn sie emotional intensiv waren. Diese Träume können in der Anfangsphase nach dem Verlust der nahestehenden Person sehr belastend sein. Daher ist es wichtig, sich zu verdeutlichen, dass sie einen natürlichen Trauerprozess darstellen. 

In der nächsten Gruppe von Träumen tritt die verstorbene Person zunächst so auf, wie sie früher erlebt wurde. Es kommt jedoch im Traum auch die Erkenntnis, dass sie nicht mehr lebt. So können die Gefühle des Schmerzes, des Verlusts im Traum wiedererlebt werden – wiederum ein wichtiger Verarbeitungsschritt. 

In der dritten Gruppe tritt die verstorbene Person im Traum auf, jedoch ist von Anfang an klar, dass sie nicht mehr lebt. Häufig sind diese Träume sehr positiv: Die verstorbene Person zeigt, dass es ihr gut geht, oder gibt Ermunterungen für das Wachleben des Träumers bzw. der Träumerin. Diese Träume sind besonders wichtig, da sie zeigen, dass die verstorbene Person mit allem, was sie getan und bewirkt hat, in einem selbst weiterlebt. Für die eigene Psyche ist diese Person nicht „tot“, sondern Träume und Erinnerungen an sie bleiben lebendig.

Neben dem Widerspiegeln des Verarbeitungsprozesses können Träume von verstorbenen Personen noch weitere Bedeutungen haben bzw. Anregungen für das eigene Wachleben geben. Lassen Sie mich das anhand eines Beispiels veranschaulichen. Eine Frau, die jahrelang ihre Mutter pflegte, hat nach dem Tod ihrer Mutter folgenden Wiederholungstraum: „Ich kümmere mich nicht um meine Mutter, ‘vergesse’ sie förmlich; dann fällt es mir plötzlich ein, dass es sie gibt, ich gehe zu ihr – und sie ist völlig vernachlässigt in ihrer Wohnung, hat nichts zu essen, liegt einsam im Sterben.“ 

Dieser Traum spiegelt nicht die Wachrealität wider, da die Tochter sich sehr intensiv um das Wohl der Mutter gekümmert hat. Es können möglicherweise Schuldgefühle im Spiel sein, nicht genug getan zu haben oder Konflikte nicht ausgesprochen und bearbeitet zu haben; doch vielleicht hat dieser Traum auch eine ganze andere Bedeutung. Wenn man sich das Grundmuster im Traum anschaut, geht es eindeutig um Fürsorge, um das Sich-Kümmern um eine nahestehende Person. Dieses Bild könnte der Traum benutzt haben, um deutlich zu machen, dass auch Fürsorge für sich selbst und das Kümmern um die eigenen Bedürfnisse ein wichtiges Thema ist, das gerade in Zeiten, in denen andere Personen viel Zuwendung und Zeit benötigen, zu kurz kommen kann. So ist dieser Traum – gerade auch durch seine Wiederholung – eine deutliche Aufforderung, sich mehr um sich und die eigenen Bedürfnisse zu kümmern. 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Träume von verstorbenen Personen den Trauerprozess in verschiedenen Phasen widerspiegeln und die Verarbeitung sehr hilfreich unterstützen können. Außerdem können die Grundmuster solcher Träume auch auf eigene vernachlässigte Anteile und Potenziale hinweisen.

Das Schlafmagazin 2-2012
Foto: © S.Bir/Fotolia

Prof. Dr. phil. Dipl.-Psych. Michael Schredl ist weltweit einer der führenden Traumforscher. Er ist Wissenschaftlicher Leiter des Schlaf­labors am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim (Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg).


Ausgewählte Artikel