06/02 2016

Wege aus der Abhängigkeit

Medikamentenabhängigkeit ist ein großes Problem; und Schlafmittel scheinen dabei eine besonders wichtige Rolle zu spielen. Schätzungen zufolge sind 1,2 bis 1,6 Millionen Menschen in Deutschland von verschreibungspflichtigen Schlafmitteln abhängig – Frauen doppelt so häufig wie Männer. Wie entstehen solche Abhängigkeiten, und was tut man
dagegen? Darüber sprachen wir mit dem Schlafmediziner Prof. Dr. med. Reinhard Steinberg.


Wie äußert sich eine Schlafmittelabhängigkeit?

Prof. Steinberg: In erster Linie darin, dass man nicht mehr mit der Einnahme des Medikaments aufhören kann. Irgendwann bekommt ein Patient ein Schlafmittel verschrieben, z. B. im Krankenhaus vor einer Operation, weil er nicht schlafen kann. Und dann wird dieses Mittel nicht wieder abgesetzt, sondern womöglich vom Hausarzt immer weiter verschrieben. Zunächst kann der Patient mit dem Mittel eigentlich ganz gut einschlafen und meist auch ein bisschen besser durchschlafen als vorher; aber nach einer gewissen Zeit verliert sich dieser schlaffördernde Effekt. Trotzdem kommt der Patient ohne das Schlafmittel überhaupt nicht mehr zurecht; denn sobald er es absetzt, treten sofort wieder Schlafstörungen mit zerhacktem Schlaf, häufigem Erwachen, langem Wachliegen vor dem Einschlafen usw. auf. Und dann nimmt der Patient das Schlafmittel wieder ein.


Aber er schläft mit dem Medikament dann auch nicht besser als ohne?


Prof. Steinberg: Wenn er sich erst mal daran gewöhnt hat, nicht – und dieser Gewöhnungsprozess tritt (vor allem bei kontinuierlicher Einnahme) relativ schnell ein.


Welche Schlafmittel können abhängig machen?


Prof. Steinberg: Heute werden als primäre Schlafmittel ausschließlich Benzodiazepine wie beispielsweise Nitrazepam, Rohypnol®, Dalmadorm® und Valium® oder die neueren, ähnlich wie Benzodiazepine wirkenden „Z-Substanzen“ wie Zolpidem, Zaleplon und Zopiclon verschrieben. All diese Schlafmittel greifen an derselben Stelle im Gehirn an, nämlich bei den GABA-Rezeptoren. Gamma-Aminobuttersäure (kurz: GABA) ist ein wichtiger Botenstoff, der eine hemmende Wirkung auf die Nervenzellen hat, also ihre Erregbarkeit herabsetzt: Er wirkt beruhigend, entspannend, angstlösend und spielt somit auch eine wichtige Rolle bei der Einleitung und Aufrechterhaltung des Schlafs. Rezeptoren sind Eiweißstrukturen in der Hülle (Membran) von Nervenzellen, in die Moleküle bestimmter Botenstoffe hineinpassen wie ein Schlüssel ins Schloss. An diese Rezeptoren müssen die Botenstoffe andocken, um ihre Wirkung entfalten zu können. GABA-Rezeptoren befinden sich hauptsächlich im Gehirn. Sobald die GABA-Moleküle sich dort anlagern, entfalten sie ihre beruhigende und schlaffördernde Wirkung.

Nun besitzen aber auch die obengenannten primären Schlafmittel die Fähigkeit, an GABA-Rezeptoren anzudocken und so die Wirkung der GABA-Moleküle zu unterstützen: Man kann besser einschlafen. Nur leider gewöhnt sich das Nervensystem irgendwann an diese zusätzliche GABA-Wirkung und reagiert dann so, wie unser Organismus auf veränderte Bedingungen immer reagiert: durch Anpassung. An einem körnigen Kiesstrand können wir z. B. am Anfang nicht gehen. Aber schon nach zwei oder drei Wochen Urlaub haben wir uns (entweder durch Hornhautbildung oder durch eine Erhöhung der Erregungsschwelle unserer Schmerzrezeptoren) so gut daran adaptiert, dass wir plötzlich problemlos an diesem Strand entlanggehen können.


Was passiert bei so einer Adaptation an ein Schlafmittel?


Prof. Steinberg: Jetzt komme ich wieder zurück zu den GABA-Rezeptoren. Angenommen, auf einer bestimmten Flächeneinheit einer Nervenzellmembran sitzen 25 GABA-Rezeptoren. Wenn ein Patient nun Benzodiazepine einnimmt, gelangen diese über die Magenschleimhaut in den Blutkreislauf, docken an den GABA-Rezeptoren im Gehirn an und verstärken so die beruhigende, schlaffördernde Wirkung der körpereigenen GABA-Moleküle. Doch irgendwann sagt sich das Nervensystem: „Diese zusätzliche Hemmung brauche ich eigentlich nicht.“ Dann wird die Anzahl der Rezeptoren herunterreguliert, d. h. statt der 25 Rezeptoren pro Flächeneinheit sind es jetzt vielleicht nur noch 15.

Durch diese Verringerung der Rezeptoren lässt die schlaffördernde Wirkung des Medikaments nach. Und wenn der Patient sein Schlafmittel dann abrupt absetzt, reichen die mittlerweile verminderten GABA-Rezeptoren nicht mehr aus, um ihn abends in den Schlaf finden und nachts gut durchschlafen zu lassen. Bis das Nervensystem diese Rezeptoren wieder neu bildet, dauert es in der Regel Tage, manchmal sogar Wochen. So ein abrupter Medikamentenentzug kann Entzugsbeschwerden bis hin zum Delirium verursachen. Deshalb dürfen solche Schlafmittel nur langsam und schrittweise abgesetzt werden.


Die Z-Substanzen – Zaleplon, Zolpidem und Zopiclon – werden heute am häufigsten verschrieben. Ist das Abhängigkeitspotenzial bei diesen Medikamenten genauso groß?


Prof. Steinberg: Nein. Untersuchungen zeigen, dass die sedierende (also beruhigende und schlaffördernde) Wirkung bei den Z-Substanzen bereits bei niedrigeren Plasmakonzentrationen eintritt als die angstlösende Wirkung, die für die Abhängigkeitsentwicklung verantwortlich gemacht wird. Deshalb ist das Abhängigkeitsrisiko bei diesen neueren Substanzen nicht so hoch wie bei den Benzodiazepinen.

Dann könnte man diese Z-Substanzen also eigentlich auch langfristig einnehmen?

Prof. Steinberg: Zu dieser Frage gibt es in der Schlafmedizin zwei verschiedene Richtungen: Eine vor allem in den USA vertretene Gruppe sagt, man solle endlich aufhören, die Z-Substanzen zu verteufeln. Es gibt aber auch eine strengere, eher in Deutschland vertretene Richtung, die sagt: Nein, diese Substanzen wirken im Prinzip genauso wie die Benzodiazepine, daher sollte man sie nicht auf Dauer einnehmen. Ich persönlich neige eher der letzteren Meinung zu: Ich bin der Ansicht, dass wir nichts am Nervensystem verändern können, ohne dafür auch einen Preis in Form einer negativen Nebenwirkung bezahlen zu müssen. Und natürlich gibt es auch Abhängigkeitsentwicklungen bei den Z-Substanzen (vor allem bei Menschen, die vorher auf Benzodiazepine, Alkohol oder Barbiturate abhängig waren). Deshalb warnen wir bei den Z-Substanzen nach wie vor: Eine Dauereinnahme dieser Medikamente sollte nicht die Regel sein. Wir haben heute nicht-medikamentöse, psychotherapeutische Behandlungsmethoden für Schlafstörungen, die sehr wirksam sind, sodass man eine chronische Medikamenteneinnahme bei den meisten Patienten zurückfahren kann.


Warum gibt es dann trotzdem immer noch so viele schlafmittelabhängige Menschen? Liegt das daran, dass viele Ärzte nach wie vor den Fehler machen, ihren Patienten diese Mittel kontinuierlich zu verschreiben?


Prof. Steinberg: Die meisten Hausärzte sind für dieses Problem inzwischen schon sensibilisiert und verschreiben ihren Patienten nicht dauerhaft solche Medikamente. Allerdings gibt es auch Patienten, die Doctorhopping betreiben: Wenn der eine ihnen das gewünschte Mittel nicht verschreibt, gehen sie eben zum nächsten.


Und wie geht es dann weiter? Wie wird eine solche Abhängigkeit entdeckt und behandelt?


Prof. Steinberg: Am Pfalzklinikum in Klingenmünster gibt es seit 25 Jahren eine Schlafambulanz. Der typische Insomnie-Patient kommt dorthin und sagt: „Ich kann schon seit längerer Zeit nicht mehr schlafen.“ Dann führen wir eine ausführliche Anamnese durch, die in der Regel nicht unter einer halben oder einer Stunde dauert. Und in diesem Gespräch wird natürlich auch nach der Medikamenteneinnahme gefragt. Bei einer Langzeiteinnahme von Schlafmitteln erklären wir dem Patienten: „Sie müssen langsam wieder von diesen Medikamenten herunterkommen und Ihrem Nervensystem Zeit geben, sich davon zu entwöhnen. Wir verringern Ihre abendliche Medikamentendosis jetzt alle zwei Wochen um 10 %.“ Davon spürt der Patient nichts – denn ob man nun 8, 10 oder 12 Milligramm eines Schlafmittels nimmt, dieser Unterschied ist nicht sehr groß. Aber man gibt dem Nervensystem durch diese langsame Dosissenkung die Möglichkeit, die GABA-Rezeptoren wieder neu zu bilden.
Um bei dem Beispiel mit der Flächeneinheit einer Nervenzelloberfläche zu bleiben: Die Anzahl der Rezeptoren ist bei diesem Patienten durch den regelmäßigen Schlafmittelgebrauch von 25 auf 15 pro Flächeneinheit heruntergegangen. Nimmt er nun schrittweise weniger von dem Schlafmittel ein, dann steigt die Zahl der Rezeptoren im Lauf dieser langsamen Dosissenkung allmählich wieder bis auf die natürlichen 25 an. So entwöhne ich den Patienten langsam und gebe seinem Nervensystem die Möglichkeit, wieder seine eigene, natürliche Hemmung aufzubauen.

Zu Entwöhnungszwecken stellen wir unsere Patienten häufig auf ein flüssiges Medikament um, weil man das Schlafmittel anhand der Tropfenanzahl sehr viel feiner dosieren kann, als wenn man eine Tablette mit dem Messer zerschneiden müsste. Man kann eine Tablette halbieren, vierteln – aber beim Achteln wird es schon schwierig. Und man darf auf gar keinen Fall den Fehler machen, die Dosis zu schnell zu senken; denn auf eine zu starke Dosisreduktion reagiert der Körper mit Entzugssymptomen. Man hat ja Zeit. Wir haben schon Schlafmittelentwöhnungen durchgeführt, die sich über fast ein Jahr hinzogen. Während dieses Entwöhnungsprozesses schlafen die Patienten sehr schnell wieder besser und sind heilfroh darüber, einen Weg aus dieser Dauermedikation gefunden zu haben.


Kennen Hausärzte sich mit der Schlafmittelentwöhnung aus, oder muss man sich an einen Psychiater oder Schlafmediziner wenden?


Prof. Steinberg: Es gibt exzellente Hausärzte, die sich auch schlafmedizinisch informieren; und es gibt andere, die sich da nicht so gut auskennen oder beim Entzug zu schnell vorgehen. Wenn ein Hausarzt nicht weiterweiß oder wenn es mit der Schlafmittelentwöhnung nicht klappt, sollte er den Patienten zum Spezialisten (also zum Schlafmediziner – mittlerweile gibt es aber auch Psychologen, die sich auf diesem Gebiet sehr gut auskennen) überweisen. Das tun auch viele. Schlimm ist es nur, wenn einfach auf Dauer Rezepte mit Schlafmitteln ausgestellt werden. Das sollte nicht sein.


Wie kann man der Entstehung einer Schlafmittelabhängigkeit vorbeugen, wenn man vielleicht doch über einen längeren Zeitraum Benzodiazepine oder Z-Substanzen benötigt?


Prof. Steinberg: Wir empfehlen heute, wenn Patienten über längere Zeiträume mit solchen Substanzen behandelt werden müssen, eine Intervalltherapie: Das heißt, sie dürfen ihr Schlafmittel nur zwei- bis maximal viermal pro Woche einnehmen. Der Patient kann sich zu Beginn der Woche schon überlegen, wann er das Mittel nehmen möchte – z. B. vor einem Arbeitstag, an dem er besonders leistungsfähig sein muss, einer wichtigen Konferenz, einer langen Autofahrt usw. Das gibt ihm die Sicherheit, dass er zumindest zwei bis vier Nächte pro Woche gut durchschlafen wird; und dann verkraften die meisten Patienten es wesentlich besser, wenn die restlichen Nächte nicht so gut sind.


Gibt es auch medikamentöse Alternativen zu den Benzodiazepinen und Z-Substanzen, die nicht abhängig machen?


Prof. Steinberg: Ja. Diese Alternativen bezeichnen wir als sekundäre Schlafmittel. Das sind v. a. die sedierenden, also beruhigend wirkenden Antidepressiva wie Doxepin (z. B. Aponal®), Trimipramin (z. B. Stangyl®) und Amitriptylin (z. B. Saroten®). Mit diesen drei Antidepressiva, die man abends vor dem Zubettgehen nehmen sollte, kommen viele schlafgestörte Patienten ganz gut zurecht. Vom Trimipramin nimmt man als antidepressive Dosis 150 oder 200 mg; in der Schlafmedizin kann man schon mit 10, 15, 20, höchstens 50 mg sehr viel erreichen.

Ferner gibt es Neuroleptika, also Substanzen, die normalerweise zur Behandlung psychiatrischer Erkrankungen eingesetzt werden, aber teilweise auch eine schlaffördernde Wirkung haben – wie das Pipamperon (Dipiperon®) oder das Melperon (Eunerpan®). Diese kommen vor allem in der Altersmedizin zum Einsatz und sind auch schon in relativ niedrigen Konzentrationen sehr gut wirksam. Für die Behandlung von Ein- und Durchschlafstörungen zugelassen ist mittlerweile auch das Neuroleptikum Quetiapin (Seroquel®), in niedriger Dosierung von 25 bis 75 mg durchaus gut wirksam.
Bisherigen Erkenntnissen zufolge kann man auf Antidepressiva und Neuroleptika keine Abhängigkeit oder Sucht entwickeln. Deshalb eignen sich diese Medikamente auch für eine Langzeiteinnahme. Außerdem arbeiten wir in der Altersmedizin – gerade wenn es bei den Patienten zu einer Tag-Nacht-Umkehr kommt, sie also tagsüber müde und apathisch sind und dafür nachts herumgeistern – auch gerne mit Clomethiazol (z. B. Distraneurin®), einem Beruhigungsmittel, das auch im Rahmen des Alkoholentzugs eingesetzt wird. Bei Alkoholentzugserscheinungen geben wir davon oral bis zu 6 g am Tag, also eine sehr hohe Dosis. Wenn wir es als Schlafmittel in der Altersmedizin verwenden, kommen wir mit einer Dosis in der Größenordnung von 50 bis 200 mg bei fast allen Patienten wunderbar hin. Damit lässt sich die Tag-Nacht-Umkehr ganz gut behandeln, und es macht in dieser Dosierung ebenfalls nicht abhängig.


Als Schlafmittel werden Antidepressiva und Neuroleptika, wie Sie bereits sagten, ja in niedrigerer Dosierung eingesetzt. Gibt es da auch unerwünschte Nebenwirkungen?


Prof. Steinberg: Mit Nebenwirkungen ist bei fast allen Medikamenten zu rechnen. Diese Nebenwirkungen sind aber bei den meisten Medikamenten dosisabhängig, und wenn man die Dosis niedrig halten kann, lassen sie sich häufig umgehen. Allerdings nicht immer völlig. Beim Doxepin steht als unerwünschte Nebenwirkung z. B. Mundtrockenheit im Vordergrund. Aber in den niedrigen Dosierungen tritt sie meistens nicht auf. Eine zweite relativ häufige Nebenwirkung ist der Harnverhalt oder die Harnerschwernis beim Mann, weil diese Mittel auf den Schließmuskel der Blase wirken können. Aber in den Dosierungen, in denen man sie für die Schlafmedizin einsetzt, ist diese Nebenwirkung nur schwach ausgeprägt und für die meisten Patienten nicht störend.


Antidepressiva können doch auch Gewichtszunahme und Potenzstörungen verursachen. Kommt so etwas in den geringeren Dosierungen als Schlafmittel auch vor? Und wie sieht
es mit der Überhangwirkung aus, das heißt, dass man nach der Einnahme am Vorabend womöglich am nächsten Morgen immer noch müde ist?


Prof. Steinberg: Eine Überhangwirkung kommt bei vielen Medikamenten vor, aber auch daran passt man sich relativ schnell an. Ich gebe meinen Patienten – auch wenn ich sie mit einem Antidepressivum behandle – nicht gleich die volle Dosis eines Medikaments, sondern immer erst eine Testdosis, die ungefähr 20 % der Volldosis entspricht, und fordere sie auf: „Bitte rufen Sie mich morgen an und sagen Sie mir, was dieses Medikament bei Ihnen bewirkt. Das Mittel hat zwar gewisse Nebenwirkungen, die in dieser niedrigen Dosis aber normalerweise nicht auftreten; ich erwarte also eigentlich, dass es bei Ihnen gar keine Probleme verursacht. Bitte probieren Sie es aus und sagen Sie mir morgen Bescheid, damit ich weiß, wie wir die Dosis steigern können oder ob wir auf ein anderes Medikament umsteigen müssen.“
Mit dieser Taktik gelingt es bei fast allen Patienten, eine Medikation schrittweise bis in die Wirkdosis zu bringen. Dadurch umgeht man den Nebenwirkungseffekt, der bei manchen Medikamenten schneller eintritt als die eigentliche Wirkung: Bei den Antidepressiva z. B. tritt die erwünschte Wirkung erst nach 10 bis 14 Tagen, manchmal sogar drei Wochen ein. Aber die Nebenwirkungen kommen schneller. Wenn man den Patienten also aufklärt und sagt: „Wir probieren das aus. Leider treten die Nebenwirkungen (beispielsweise Mundtrockenheit) sehr schnell auf; bis zum Eintritt der Hauptwirkung dauert es länger. Bitte halten Sie mich auf dem Laufenden“, erreicht man eine ziemlich hohe Therapietreue.

Außerdem können Medikamente über sehr unterschiedliche Mechanismen, die man im Einzelnen gar nicht immer genau kennt, Erektions- oder Ejakulationsstörungen verursachen. Auch das ist dosisabhängig und individuell verschieden – der eine bekommt sie, der andere nicht. Warum, wissen wir nicht. Und was die Gewichtszunahme angeht: Es gibt Substanzen, die eher Übergewicht verursachen als andere. Man sollte die Patienten darüber aufklären, dass Antidepressiva vor allem eine Appetitsteigerung bewirken können. Ich sage meinen Patienten immer: „Heißhungerattacken sollten Sie nicht nachgeben. Bei Heißhunger sollten Sie ein Glas Wasser trinken und versuchen, eine halbe Stunde auszuhalten, bevor Sie etwas essen.“ Mit dieser Methode können wir bei relativ vielen Patienten verhindern, dass sie in eine zu starke Gewichtssteigerung hineinkommen.


Das Trazodon – ebenfalls ein Antidepressivum – soll ja angeblich keine so gewichtssteigernde Wirkung haben?


Prof. Steinberg: Trazodon steht tatsächlich nicht im Verdacht, große Gewichtssteigerungen zu verursachen (aber auch das ist individuell verschieden), und es wirkt gut als Schlafmedikation.
Vor zirka 20 Jahren erlebte das Schlafhormon Melatonin einen großen Boom. Viele Menschen nahmen dieses Mittel ein – etwa, um einen
Jetlag zu bekämpfen, aber auch, um wieder besser schlafen zu können. Seit einigen Jahren ist eine retardierte Form dieses Melatonins, also ein Präparat mit verzögerter Wirkstoff-freisetzung auf dem Markt, das Circadin®. Wie wirksam ist diese Substanz als Schlafmittel?

Prof. Steinberg: Wir wissen, dass Melatonin gegen Jetlag ganz gut wirkt. Und mit dem Circadin® – der retardierten Freisetzungsform – lässt sich ein gleichmäßigerer Wirkstoffspiegel im Blut erzielen. Bei schweren Insomnien wirkt dieses Mittel aber nicht so, dass die Patienten in den ersten Einnahmetagen sofort besser schlafen, wie das etwa bei einem Benzodiazepin der Fall ist: Wenn man einem Patienten, der noch nie ein solches Schlafmittel genommen hat, Rohypnol® gibt, schläft der einem womöglich gleich am Tisch ein, und man bekommt ihn gar nicht mehr wach. Diese schnelle Wirkung tritt bei Melatonin oder Circadin® mit Sicherheit nicht ein. Langfristig hat Circadin® bei Schlafstörungen wahrscheinlich eine regulierende Wirkung; aber es ist keine Schlafnotfallmedikation. Jemandem, der schnelle Hilfe braucht (etwa bei einer Schlafstörung aufgrund von Prüfungsängsten), kann man damit nicht helfen. Vermutlich dauert es zwei bis vier Wochen, bevor Melatonin oder Circadin® sich bei einer Schlafstörung positiv auswirkt. Beim Jetlag scheint es dagegen sehr viel schneller zu wirken und die unerwünschten Zeitumstellungsphänomene abzumildern.
Im Mechanismus ähnlich wirkt der Melatoninrezeptoragonist Agomelatin (Valdoxan®), in höherer Dosierung als Antidepressivum gut wirksam, mit 25 mg auch schon bei Ein- und Durchschlafstörungen. Aber auch hier ist leider keine sofortige Wirkung zu erwarten.


Wie lange muss man diese Mittel nehmen, bevor man überhaupt eine Wirkung spürt, und um welche Uhrzeit werden sie eingenommen?


Prof. Steinberg: Circadin® nehmen die meisten Patienten abends ein und kommen damit gut zurecht. Ganz wenige nehmen es morgens. Das muss man ausprobieren. Deshalb frage ich meine Patienten immer: „Haben Sie nach der Einnahme des Medikaments das Gefühl, dass es Sie innerhalb von einer halben oder einer Stunde müde macht? Ober haben Sie eher den Eindruck, dass es Sie aufputscht?“ Bestimmte Antidepressiva (beispielsweise die Serotoninwiederaufnahmehemmer) wirken bei den meisten Menschen eher aufputschend; damit würde man die Schlafstörung bei einer abendlichen Einnahme nur verstärken. Also gibt man dieses Medikament morgens. Andere Medikamente, die müde machen, sollte der Patient natürlich zu einer Tageszeit nehmen, zu der man den Müdigkeitseffekt zum Schlafen ausnutzen kann. Bei Circadin® oder Melatonin sollte man den Patienten befragen: „Was bewirkt dieses Mittel bei Ihnen? Werden Sie davon wacher, oder spüren Sie überhaupt nichts?“ Melatonin ist unser körpereigenes Hell-dunkel-Hormon, das für unsere innere Uhr eine wichtige Rolle spielt. Es gibt sicherlich Menschen, bei denen über Melatoningaben bestimmte rhythmische Zeitabläufe ganz gut regelbar sind.

Aber diese Substanz hat sich bisher in der Schlafmedizin nicht so recht durchgesetzt. Der große Melatonin-Hype fand in den Neunzigerjahren statt, als ganz Amerika versuchte, die Benzodiazepine durch Melatonin zu ersetzen. Das war damals ein Boom von drei oder vier Jahren, der dann wieder aufhörte. Dieses Mittel hat eben doch keine so evidente Wirkung wie andere schlaffördernde Medikamente. Das ideale Schlafmittel gibt es sowieso nicht; deshalb sollte zu einer medikamentösen Behandlung als wichtiger Therapiebaustein stets auch die Schlaf-
hygiene gehören.


Wie sollte die Ihrer Meinung nach aussehen?


Prof. Steinberg: Der Patient darf seine Erwartungen an den Nachtschlaf nicht zu hoch schrauben. Wir kennen ja das typische Verhalten von Menschen mit Ein- und Durchschlafstörungen, die am Wochenende zwölf Stunden im Bett bleiben, um den unter der Woche versäumten Schlaf nachzuholen. Natürlich schlafen die dann nicht zwölf Stunden lang, weil das gar nicht geht. Viele verhaltensmedizinische oder psychotherapeutische Behandlungsmethoden sehen so aus, dass wir dem Patienten erst mal einschärfen: „Es ist völlig egal, wie gut Sie in der Nacht geschlafen haben – stehen Sie bitte jeden Morgen um sieben Uhr auf.“ Damit erhöhen wir den Schlafdruck. Manche Insomniker stehen nämlich  nach einer „schlechten“ Nacht erst um neun Uhr auf, um den versäumten Nachtschlaf nachzuholen.

Wir versuchen also wieder eine gewisse Regelhaftigkeit in den Schlafablauf hineinzubringen. Aber man muss natürlich auch überlegen: Kann ich mit einem Patienten in einer Prüfungssituation so eine auf längere Zeit ausgerichtete Therapie durchführen? Wahrscheinlich eher nicht. Solchen Patienten sage ich: „Sie dürfen jeden zweiten Tag eine Tablette nehmen. Aber sagen Sie mir bitte morgen, wie Sie heute Nacht geschlafen haben. Fühlen Sie sich tagsüber besser? Können Sie sich besser konzentrieren?“


Bewirken pflanzliche Substanzen wie Hopfen, Baldrian, Lavendel usw. überhaupt etwas?


Prof. Steinberg: Wenn ein Patient zu mir kommt und sagt: „Ich nehme schon seit fünf Jahren Baldrian, darf ich das eigentlich?“, dann frage ich ihn: „Was bewirkt dieses Mittel denn bei Ihnen? Haben Sie das Gefühl, dass Sie dadurch besser schlafen?“ Und wenn der Patient diese Frage bejaht, darf er es ruhig weiter nehmen. Denn dieses Mittel ist so unschädlich, dass seine Einnahme – wenn es dem Patienten hilft – sicherlich sinnvoll ist. Gerade bei Baldrian gibt es Untersuchungen darüber, ob dieses pflanzliche Schlafmittel eine schlaffördernde Wirkung hat. Die hat es tatsächlich, aber eben doch nur in sehr begrenztem Ausmaß – also bei weitem nicht so stark wie beispielsweise ein Benzodiazepin.


Sie sagten, dass Frauen doppelt so häufig schlafmittelabhängig werden wie Männer. Woran liegt das? Kommt es daher, dass Frauen schlechter schlafen, oder werden Frauen
einfach leichter abhängig?


Prof. Steinberg: Wohl beides. Frauen scheinen etwas weniger tief und gut zu schlafen als Männer. Woran das liegt, wissen wir nicht genau. Frauen sind z. B. in der Sorge um die Kinder viel aktiver; wenn ein kleines Kind schreit, ist eine junge Mutter normalerweise schon längst wach, während der Mann immer noch seelenruhig im Bett liegt und schläft. Da gibt es wohl auch physiologische Unterschiede. Und dass Frauen sich eher an solche Medikationen gewöhnen oder davon abhängig werden, hängt vielleicht damit zusammen, dass Frauen Ärzten mehr glauben als Männer. Es gibt viele Untersuchungen, die zeigen, dass Frauen in der Compliance bezüglich Medikamenteneinnahme besser sind als die Männer und sich vom Arzt leichter führen lassen. Außerdem neigen Frauen eher dazu, in sich hineinzuhören und ärztliche Hilfe zu suchen, wenn sie ein Problem bei sich wahrnehmen.

Das Schlafmagazin 1-2016
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