22/05 2013

Wenn man im Traum fliegen kann

Prof. Dr. Michael Schredl

Flugträume sind ein sehr spannendes Phänomen. Sowohl für die Träumer selbst, weil es riesigen Spaß macht, ganz ohne Hilfsmittel durch die Lüfte zu schweben – ein alter Menschheitstraum. Andererseits interessiert sich auch die Forschung dafür, warum im Traum Dinge vorkommen, die nie im Wachzustand erlebt worden sind. Der vorliegende Artikel gibt einen Einblick in die Forschung auf diesem Gebiet, die noch in den Kinderschuhen steckt.

In Flugträumen kann das Traum-Ich ohne entsprechende Hilfsmittel fliegen oder auch schweben. Je nach Studie geben 30 bis 63,5 % der Befragten an, in ihrem Leben schon einmal Flugträume gehabt zu haben – also ein weitverbreitetes Phänomen. Schaut man sich jedoch die Häufigkeit im Vergleich zu anderen Träumen an, so zeigt sich, dass Fliegen nur in 1 bis 2 % der Träume vorkommt. Menschen träumen also nicht jede Nacht vom Fliegen, sondern höchstens ab und zu einmal.

 

Wie sehen Flugträume aus?

Obwohl die meisten Flugversuche im Traum ganz ohne Hilfsmittel erfolgen, gibt es eine große Bandbreite von Gerätschaften, mit denen geflogen wird. Das kann ein magischer Holzstab sein, den man in der Hand hält, eine Eisenplatte, auf der man sitzt, ein Auto oder Bus oder sogar ein Haus, in dem man sich befindet. Auch die Flugtechnik ist variabel: Manche wenden eine Schwimm- oder Tauchtechnik an, andere wedeln mit den Händen und wieder andere fliegen durch die Kraft der Konzentration, ohne ihren Körper oder Teile davon zu bewegen. Fast immer werden Flugträume als positiv empfunden: Es ist ein erhebendes Gefühl, über der Landschaft zu schweben oder etwas zu können, was andere nicht können. 

In einem eigenen Flugtraum, der lange zurückliegt, habe ich versucht, durch die Demonstration meiner Flugkünste ein Mädchen zu beeindrucken. Es hat funktioniert – im Traum. Es gibt auch Flugträume, in denen gemeinsam geflogen wird, also andere Traumpersonen auch fliegen. Auslöser für Flugträume können Springen, schnelles Laufen, Treppenhinunterlaufen sein: Hierbei kann dem Traum-Ich auffallen, dass Fliegen möglich ist. Eine weitere Variante sind die sogenannten luziden Träume oder Klarträume. Das sind Träume, in denen dem Träumer/der Träumerin bewusst ist, dass er/sie träumt. Geübte Klarträumer können dann Dinge tun, die ihnen Spaß machen. Und Fliegen steht da ganz oben auf der Prioritätenliste: einfach hochspringen und wegfliegen. Dieses Traumthema ist häufiger als Sex; denn den kann man ja auch im Wachzustand haben. Trotz der starken positiven Gefühle können im Flugtraum auch Ängste auftreten. Zum Beispiel gibt es Berichte über störende Hochspannungsleitungen; doch die Hauptangst ist, dass es mit dem Fliegen ohne Hilfsmittel doch nicht klappt und man abstürzen könnte. Um diese Gefahr zu verringern, gibt es Träumer, die nicht so hoch fliegen, um beim Nachlassen ihrer Kräfte nicht so tief zu fallen.

 

„Normale“ Flugträume

Über der Beschäftigung mit außergewöhnlichen Flugträumen wurde die Untersuchung der normalen Flugträume ganz vernachlässigt. Normale Flugträume sind Träume, in denen das Traum-Ich in einem Flugzeug, Helikopter, Raumschiff oder etwas Ähnlichem sitzt. In einer Traumserie von 6701 Träumen über einen Zeitraum von 15 Jahren zeigte sich, dass diese Flugträume bei dieser Person deutlich zugenommen haben, nachdem sie ihre erste Flugreise unternommen hatte. Spannend wäre die Frage, ob Piloten oder Stewardessen, die sehr häufig fliegen, auch von ihrem Arbeitsplatz träumen, also mehr normale Flugträume haben. Das wäre im Sinne der Kontinuitätshypothese des Traumerlebens, die besagt, dass unsere Wacherfahrungswelt sich im Traum widerspiegelt. 

 

Erklärungen für Flugträume

Über die Jahre haben viele Autoren über die mögliche Ursache von Flugträumen spekuliert (siehe Tabelle 1). Zunächst ging man von physiologischen Ursachen für Flugträume aus, z. B. der Atembewegung der Lungenflügel oder dem fehlenden Input von taktilen Reizen. Aus der Tiefenentspannung ist bekannt, dass ein Gefühl der Schwerelosigkeit auftreten kann, wenn die Muskeln ganz entspannt sind. Das passt auf den REM-Schlaf, da das Gehirnzentrum, das den REM-Schlaf steuert, gleichzeitig die Weiterleitung der Nervenimpulse vom motorischen Gehirnareal an die Muskeln stark abdämpft, sodass die Muskelspannung im REM-Schlaf sehr niedrig ist. Ein psychoanalytischer Autor brachte die Erektion mit Flugträumen in Zusammenhang (da sie die Schwerkraft überwindet). Er zitiert auch einen frühen norwegischen Traumforscher (Mourly Vold), der beschrieb, dass er nach dem Aufwachen aus einem Flugtraum eine Erektion an sich beobachtete. Da man heute weiß, dass fast alle REM-Phasen von Erektionen begleitet werden, ist diese Erklärung für Flugträume allerdings hinfällig. 

In neuerer Zeit wurde dann noch das Erklärungsmodell formuliert, dass das Gleichgewichtsorgan während des Schlafens spezifische Impulse ans Gehirn sendet. Doch alle diese Theorien haben den Nachteil, dass sie nicht erklären können, warum nur ca. 1 bis 2 % aller Träume Flugträume sind, obwohl Muskelentspannung, Erektion oder Wahrnehmungen aus dem Gleichgewichtsorgan ja in jeder REM-Phase vorliegen. Die psychologischen Theorien versuchen, Flugträume aufgrund von spezifischen Themen aus dem Wachleben zu erklären. Von Sigmund Freud stammt die Idee, dass Flugträume Erinnerungen an alte Kindheitserlebnisse sind. Kinder haben ungeheuren Spaß daran, von Erwachsenen in die Luft geworfen und wieder aufgefangen zu werden, machen also „Flugerfahrungen“. C. G. Jung sah in Flugträumen einen Ausdruck davon, dass es der Person gelungen ist, ein Problem des Wachlebens zu überwinden. Für Alfred Adler drücken Flugträume den Wunsch aus, zu dominieren. 

Aufgrund der Erfahrung im Flugtraum kann man nachvollziehen, dass sich in solchen Träumen ein Gefühl der Freiheit ausdrückt. Allerdings geben Krishnan und Kollegen auch die Möglichkeit an, dass das Wegfliegen, das von Kindern häufiger beschrieben wird (sie fliegen vor einer Bedrohung davon), möglicherweise auch ein Vermeidungsverhalten widerspiegeln könnte. Von Siebenthal geht so weit, zu sagen, dass der Flugtraum etwas widerspiegelt, was im Traum zwar funktioniert, aber im Wachleben nicht (nach seiner Theorie die Erektion). Meine eigene Theorie ist, dass Flugträume im Sinne der Kontinuitätshypothese positive Gefühle des Wachlebens widerspiegeln. In der Umgangssprache gibt es ja auch Metaphern, die in dieses Bild passen: „auf Wolken schweben“, wenn man verliebt ist, ein „Gefühlshoch“, das „Auf und Ab“ der Stimmung, wobei das Oben als positiver Zustand gesehen wird. Dazu würden auch die Ängste passen, die in Flugträumen auftreten können. Wenn man sich im Hoch befindet, kann natürlich die Angst auftreten, dass man gefühlsmäßig „abstürzt“. 

 

Forschung zu Flugträumen

Wissenschaftliche Studien zum Thema Flugträume sind leider sehr selten. Ein Forscher hat beobachtet, dass Drachenflug-Ausbilder mehr Flugträume haben. Aber ob Personen, die häufig fliegen, nicht nur mehr „normale“ Flugträume, sondern auch mehr Flugträume ohne Hilfsmittel haben, wurde bisher nicht untersucht. In einer Analyse konnte ich Daten des Instituts für Demoskopie in Allensbach zu dieser Fragestellung auswerten. Zu vier Zeitpunkten (1956, 1970, 1981, 2000) wurden insgesamt fast 6000 Personen befragt, ob sie in letzter Zeit vom Fliegen geträumt hätten. Insgesamt wurde diese Frage von 7,5 % der Befragten bejaht (von Männern und Frauen gleich häufig). Dabei gab es einen signifikanten Zeiteffekt, das heißt, die Häufigkeit der Flugträume nahm über die Jahre zu: 6,2 % (1956), 7,9 % (1970), 8,2 % (1981), 10,0 % (2000). Da die Menschen heute mehr Flugreisen unternehmen als früher, könnte das die Zunahme begründen. In einer weiteren Studie an Studierenden konnte ich zeigen, dass Personen, die von Flugträumen berichteten, eine im Durchschnitt etwas positivere Persönlichkeitsdisposition haben als Menschen ohne Flugträume. Bei Fallträumen (Fallen ins Bodenlose) war es umgekehrt. Dieses Ergebnis stützt die Annahme, dass Flugträume möglicherweise Gefühle aus dem Wachzustand widerspiegeln. Um das genau zu erfassen, müsste man allerdings Tagebuchstudien durchführen, bei denen die Personen ihre Gefühle im Wachzustand und ihre Träume protokollieren. Da Flugträume sehr selten sind, ist das sehr aufwändig.

 

Flugträume – nach wie vor ein Rätsel

Auch wenn die wenigen Studien darauf hindeuten, dass Flugträume mit den Wachgefühlen der Träumenden in Verbindung stehen könnten, stellt sich die Frage, warum wir von Dingen träumen, die im Wachleben ganz und gar unmöglich sind. Das ist auch ein Grund, warum es so schwierig ist, über die Erlebnisse im Flugtraum zu reden: Kein Mensch weiß, wie es sich „wirklich“ anfühlt, weil es diese Gefühle im Wachzustand nicht gibt – ganz ohne Hilfsmittel zu fliegen, ist nur im Traum möglich. Mit Drachenfliegen, Segelfliegen, Fallschirmspringen oder anderen Dingen, die im Wachzustand möglich sind, ist es etwas anderes. Wie kommt unser schlafendes Gehirn auf die Idee, solche Erlebnisgeschichten zu produzieren? Das ist eine ungelöste und deshalb faszinierende Frage für kommende Generationen von Traumforschern. 

Ausgabe-2-2013

Das Schlafmagazin 2-2013
Foto: © Krimar/123rf

Ausgewählte Artikel

Prof. Dr. Michael Schredl ist weltweit einer der führenden Traumforscher. Er ist Wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim (Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg).
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit J 5; 68159 Mannheim
Tel.: 0621 1703-1782

Tabelle 1: Erklärungen für Flugträume

Theorie/Autor

Physiologische Theorien

-Atmen (Lungenflügel)/Scherner (1861)
-Reduzierter taktiler Input/
Purkinje (1846)
-Erektion/Federn (1914)
-Gleichgewichtssystem/
Hobson & McCarley (1977)

Psychologische Theorien

- Kinderspiele (geworfen werden)/
Freud (1900)
- Lebensprobleme bewältigen/
Jung (1928)
- Wunsch zu dominieren/
Adler (1927)
- Ausdruck von Freiheit/
Saul & Flemig (1959)
- Flucht vor Problemen/
Krishnan u. a. (1984)
- Impotenz/von Siebenthal (1953)
- Widerspiegelung positiver Gefühle/
Schredl (2008)(Kontinuität)