16/02 2012

Wenn Sonnenlicht krank macht

Die unheimliche Krankheit der Photoallergie

 

Ohne Licht kein Leben. Eine Binsenwahrheit – doch es gibt Menschen, auf die genau das Gegenteil zutrifft. Licht macht sie krank, richtig krank. Sie leiden unter einer Lichtallergie. Das ist die umgangssprachliche Bezeichnung für eine Reihe von Krankheiten, die durch UV-Licht hervorgerufen werden. Der Medi­-ziner spricht von Lichtdermatosen, wobei es eine ganze Reihe verschiedener Krankheitsbilder und Ursachen gibt, z. B., dass der Körper UV-Licht nicht toleriert. Ursachen können aber auch bestimmte Autoimmunerkrankungen, Stoffwechselerkrankungen oder Erbkrankheiten sein.

 Werner Waldmann

Je nach Intensität der Krankheit heißt das für die Betroffenen, dass sie sich gegen UV-Strahlen rigoros abschirmen müssen. Sie sind dazu verdammt, ein Leben in der Dunkelheit zu führen. Das aber hat Konsequenzen. Die Nacht wird für sie zum Tag. Man muss den Tagesablauf komplett umkrempeln. Dieses Leben hinter Glasscheiben und Mauern führt in die menschliche Isolation und ruiniert jedes soziale Miteinander. Denn ein Spaziergang bei Tage im Sonnenschein, selbst bei bedecktem Himmel,  führt bei solchen Menschen zu schmerzhaften Hautveränderungen. Um dies zu vermeiden, ziehen sich die Betroffenen in ihr Zuhause zurück. Und das wiederum begünstigt die Entstehung depressiver Zustände. Offenbar ist es so, dass eine Lichtallergie eine Depression zur Folge haben kann und nicht umgekehrt. Die Erklärung, dass psychische Belastungen zur Lichtallergie führen, scheint nicht belegbar zu sein. Hannelore Kohls Selbstmord sollte gerade darauf aufmerksam machen, dass wir es zunehmend mit neuartigen Krankheiten zu tun haben, die viele Ärzte nicht verstehen.

Es gibt in der Tat seltene Lichtallergien der Haut, die den Betroffenen das Leben zur Qual machen und sie manchmal sogar in den Suizid treiben. Eine solche Erkrankung ist etwa die persistierende Lichtreaktion, die oft in eine leukämieartige Hautreaktion (ein so genanntes aktinisches Retikuloid) übergeht. Dabei reagieren Zellen der Oberhaut (Epidermis) auf Lichteinfluss mit einem Schmerzreiz, der das Wohlbefinden der Patienten massiv  beeinträchtigt.  Doch wie kommt es zu einer solchen Änderung der Zellreaktionen, warum entwickeln die Zellen eine derart krankhafte Empfindlichkeit? Andererseits kann man sich fragen, ob nicht auch psychosomatische Einflüsse allergische Reaktionen hervorrufen können. Psychosomatisch orientierte Hautspezialisten wissen schon seit längerem, dass es in Stress- und Konfliktsituationen zu immunologischen Veränderungen kommen kann; und wenn der Organismus dann auch noch eine genetisch bedingte Anfälligkeit für diese Erkrankung zeigt, kann sie ausbrechen.

 

Ein Leben in ewiger Dunkelheit

 

Hannelore Kohl litt – so vermutet man zumindest – unter der sehr seltenen chronischen aktinischen Dermatitis. Die Familie Kohl gab die Diagnose nie bekannt. Man geht davon aus, dass unter dieser extrem schweren Erkrankung nur ein Promille der von Lichtallergien geplagten Patienten leidet. Ausgelöst wird diese Krankheit durch Medikamente wie Antibiotika oder Psychopharmaka. Im Falle Kohl war es offenbar eine Behandlung mit Penicillin. Der britische Hautspezialist John Hawk schreibt dazu: „Die Perspektive dieser Patienten ist hoffnungslos, ihre Lage verzweifelt. Die Erkrankten sind extrem lichtempfindlich und leiden unter starkem Juckreiz. Selbstmordgedanken sind nicht selten.“

Der Mechanismus dieser Krankheit erklärt sich folgendermaßen: Körpereigene Substanzen reagieren, wenn sichtbares Licht oder UV-Strahlen auf die Haut fallen. Bereits bei einer geringen Bestrahlung durch Sonnenlicht reagiert die Haut geradezu dramatisch mit Blasen und Pusteln, vergleichbar einem schweren Sonnenbrand. Die Symptome lassen sich durchaus behandeln, etwa mit Kortison; die Lichtempfindlichkeit ist jedoch nicht zu kurieren. Jedes Mal, wenn erneut Sonnenlicht auf die Haut fällt, folgen unweigerlich die bekannten Beschwerden, unter Umständen von Mal zu Mal in drastischerer Form.

Aber es kann noch schlimmer kommen. Wer an der erblich bedingten Lichtkrankheit Xeroderma pigmentosum (kurz XP) leidet, darf sich keine Minute lang dem Sonnenlicht aussetzen. Verantwortlich für diese Reaktion ist ein nicht behebbarer genetischer Defekt. Sonnenlicht und schädliche Substanzen rufen Erbgutveränderungen hervor, die durch die so genannte Nukleotid-Exzisions-Reparatur behoben und aus dem Erbgut herausgetrennt werden. Bei XP-Patienten ist diese Funktion gestört, und krebserregende Substanzen sammeln sich ständig im Erbgut an. Unter Lichteinwirkung sterben die Hautzellen ab, und schließlich entstehen bösartige Tumoren. Hauttumoren sind bei diesen Patienten bis zu 2000-mal häufiger anzutreffen als bei gesunden Menschen. XP-Betroffene nennt man deshalb auch etwas zu romantisch „Mondscheinkinder“. Sonne und Tageslicht würden sie in kurzer Zeit töten. Ihnen bleibt nur ein Leben in der Nacht.