11/03 2011

Wenn Träume sich wiederholen

Prof. Dr. Michael Schredl

Wiederholungsträume sind Träume, die mit geringen Abwandlungen über Jahre hinweg immer wieder auftauchen. Oft spiegeln sich darin Gefühle, Verhaltens- und Erlebensmuster wider, die auch im Wachleben der betroffenen Person eine wichtige Rolle spielen, und sind somit ein hilfreicher Anstoß, an diesen Problemen zu arbeiten.

In einer repräsentativen Studie, die im Auftrag der Apotheken-Umschau durchgeführt wurde, wurden die teilnehmenden Personen gefragt, welche Themen sie in ihren Träumen schon mehrfach erlebt haben. Die Top-5-Themen waren Fallträume, verfolgt werden, sich gelähmt fühlen, zu spät kommen und der Tod oder das Verschwinden nahestehender Personen. Prüfungsträume oder Träume, in denen Zähne oder Haare ausfallen, kommen seltener vor. Klar zu erkennen ist, dass diese Träume eine sehr bedrohliche bzw. bedrückende Qualität aufweisen.

Eng verwandt mit den Wiederholungsträumen sind die sogenannten typischen Träume. Darunter werden Traumthemen verstanden, die bei vielen Menschen in ähnlicher Form auftreten.

Zunächst möchte ich auf die Grundidee, die hinter solchen Träumen steckt, eingehen. Dabei macht es Sinn, das Traumgeschehen direkt mit dem Wachleben zu vergleichen. Stellen Sie sich zum Beispiel eine Person vor, die unter Prüfungsangst leidet. Jedes Mal, wenn eine Prüfung ansteht, kann sie schlecht schlafen, ist unruhig, leidet unter Versagensängsten. Dieses Erleben wiederholt sich in der einen oder anderen Art immer wieder, wenn eine Prüfung bevorsteht.

Wenn Sie diese Situation betrachten, was würden Sie dieser Person raten, damit sie ihr „Wiederholungserlebnis“ loswird? Es liegt auf der Hand: Die Person muss lernen, mit ihrer Prüfungsangst umzugehen. Das heißt, sie muss eine neue Fähigkeit erlernen, z. B. Entspannungstraining oder das Durchführen von Vorstellungsübungen (Visualisationen), um ihr Selbstvertrauen in der Prüfungssituation zu stärken. Tut die Person dies, fällt das „Wiederholungserlebnis“ weg.

Dieses einfache Prinzip lässt sich in zwei unterschiedlichen Weisen auf Wiederholungsträume anwenden. Die erste Methode besteht darin, sich zu fragen, ob es im eigenen Leben Bereiche gibt, in denen ich das Gefühl habe, dass ich nicht weiterkomme, etwas stagniert, keine Entwicklung erkennbar bzw. spürbar ist. Anhand von Beispielen (siehe unten) möchte ich diese Herangehensweise veranschaulichen.

Die zweite Methode lehnt sich an das Verfahren zum Umgang mit Alpträumen an. Dabei geht es nicht in erster Linie darum, den Zusammenhang zwischen Wach- und Traumleben aufzudecken, sondern ganz konkret zu überlegen: Welche Fähigkeit bzw. Fertigkeit brauche ich, um mit der im Traum auftretenden Situation besser umzugehen? Kann ich sie selbst bewältigen? Oder ist es wichtig, um Hilfe zu bitten? Es wird also zunächst eine „Lösung“ für das Traumproblem gesucht. Interessanterweise ergeben sich dadurch sehr häufig Ideen in Bezug darauf, was im Wachleben trainiert und verändert werden kann.

Da viele Menschen zumindest gelegentlich Wiederholungsträume haben, ist es interessant, sich genauer anzuschauen, welche Grundthemen aus dem Wachleben durch den Traum angesprochen werden. Dieses Vorgehen soll an einigen Beispielen verdeutlicht werden.

Traumbeispiel „zu spät kommen“ 

„Ich musste irgendwohin. Zu einer bestimmten Zeit muss ich am Zug sein. Vorher müssen noch die Koffer gepackt werden. Der Uhrzeiger geht voran, ich bin noch nicht fertig. Ich habe das Gefühl, den Zug nicht zu schaffen. Dann bin ich schweißgebadet aufgewacht.“

Das zugrunde liegende Thema liegt auf der Hand: Zeitdruck, die Angst, es zeitlich nicht zu schaffen. Die Träumerin kann sich somit die Frage stellen, ob sie im Wachleben dieses Gefühl des Zeitdrucks kennt, auch wenn es nicht so stark ausgeprägt ist wie im Traum (denn im Traum treten Gefühle häufig in überspitzter Form auf, um die Deutlichkeit zu erhöhen). Hilfreiche Übungen können sein, sich einmal tatsächlich vorzustellen, was passiert, wenn man den Zug/den Flug verpasst. Wie geht das Leben danach weiter, wie kann ich mit einer solchen Situation umgehen? Häufig führt eine solche Angst nämlich dazu, dass man immer pünktlich (meist zu früh) ist und diesen Fall daher noch nie konkret erlebt hat (was eindeutig sehr positive Seiten hat; deshalb sollte das Zuspätkommen in der Phantasie „geübt“ werden).

Ein anderes Thema ist Zeitmanagement und der Umgang mit Anspannung und Entspannung. Das Erlernen einer Entspannungstechnik und das Durchführen von über den Tag verteilten Kurzentspannungsübungen können sehr förderlich sein und das Gefühl des Zeitdrucks abbauen.

Unbenutzbare Toiletten

Ein weiteres recht häufig berichtetes Thema sind Träume, in denen eine Toilette gesucht wird. Häufig ist es so, dass schmutzige Toiletten, nicht benutzbare Toiletten oder solche, die von anderen eingesehen werden können, im Traum vorkommen und somit nicht geeignet sind. Nächtlicher Harndrang reicht meiner Meinung nach als Erklärung für dieses Traumthema nicht aus. Für mich sind auch hier psychologische Aspekte von Bedeutung.

Zunächst ist klar, dass für die meisten Menschen diese Träume kein direktes Abbild der Wachrealität oder einer erlebten Situation darstellen, auch wenn nicht alle öffentlichen Toiletten sehr reinlich gehalten sind. Möglicherweise geht es dabei eher um ein allgemeines Thema, das ich mit Bedürfnisbefriedigung bezeichnen möchte. Die Erleichterung des Harndrangs ist ein sehr dringendes Bedürfnis, das nach Erfüllung verlangt. So kann sich der Träumer/die Träumerin die Frage stellen, ob es im Wachleben Bedürfnisse gibt, die chronisch zu kurz kommen (vor allem, wenn sich der Traum wiederholt). Damit kann der Traum einen Anstoß dazu geben, die eigenen Bedürfnisse ernster zu nehmen und sich für deren Befriedigung einzusetzen.

Traumbeispiel „Prüfung“ 

Auch Träume von Prüfungen kommen bei vielen Menschen vor. Meistens ist es leider nicht so, dass man im Traum eine Glanzleistung hinlegt und eine gute Note bekommt, sondern es wird mit mehr oder weniger großer Angst wahrgenommen, dass man sich nicht vorbereitet hat, die Prüfungsfragen viel zu schwer sind usw.

„Ich sitze in einer Prüfung und habe einen Bogen mit Prüfungsfragen vor mir. Neben mir und hinter mir sitzen Mitschüler. Alle sind am Schreiben und Rechnen. Ich schaue auf meinen Prüfungsbogen und kann keine der Aufgaben lösen bzw. beantworten. Ich stehe unter Zeitdruck, da mein Klassenlehrer mir zu verstehen gibt, dass die Zeit bald um ist. Ich schaue zu meinen Mitschülern. Diese kommen mit der Prüfung gut zurecht, da alle ihre Aufgaben gelöst haben. Mein Blatt ist immer noch leer. Ich kann das nicht verstehen, gerate in Panik und Angst. Die Zeit bis zur Abgabe des Prüfungsbogens verstreicht unaufhaltsam, und mir fällt einfach nichts ein. Meine Mitschüler grinsen zu mir herüber und geben mir zu verstehen: ,Bist du so dumm, dass du diese leichten Fragen nicht beantworten kannst?’ Ich wache auf und fühle mich wie gerädert.“

In diesem Traum erlebt der fast 30-jährige Mann sehr deutlich, dass er etwas nicht kann, was alle anderen anscheinend ganz locker beherrschen. Interessanterweise scheinen sich die meisten Prüfungsträume auf Prüfungen zu beziehen, die im realen Leben schon bestanden wurden, z. B. das Abitur. Das ist für die praktische Traumarbeit ein wichtiger Hinweis, der so ausgelegt werden könnte, dass es nicht um das Thema geht, etwas tatsächlich nicht zu können, sondern „nur“ um die Angst, es nicht zu können. Wenn man das zugrunde liegende Thema „Angst, etwas nicht zu können“ betrachtet, wird schnell deutlich, dass auch nach dem bestandenen Abitur Prüfungsträume auftreten können. Sie geben somit eine Hilfe, sich der Ängste bezüglich der eigenen Leistungsfähigkeit bewusst zu werden, diese anzunehmen und daran zu arbeiten.

Traumbeispiel „Nacktsein“

Ein weiterer Klassiker unter den Wiederholungsträumen ist das Nacktsein in der Öffentlichkeit. Eine Variation davon ist der folgende Jugendtraum einer 88-jährigen Frau.

„Ich bin in der Kirche und habe ein kurzes Nachthemd an. Ich versuche, es herunterzuziehen, weil ich mich so schäme.“

Es ist stark zu vermuten, dass die Träumerin nie in der Realität im Nachthemd zur Kirche gegangen ist, aber durchaus Situationen erlebt hat, in denen sie sich geschämt hat, sich nicht am richtigen Platz gefühlt hat oder ihr etwas peinlich gewesen ist. Der Traum drückt durch seine Bilder dieses Gefühl des Schämens, des Peinlich-berührt-Seins deutlich aus. Und wieder stellt sich die Frage, ob es im eigenen Wachleben Situationen gibt, in denen diese Gefühle auftreten. Auch hier kann der Traum als Ausgangspunkt genommen werden, sich vorzustellen: Was würde ich tun, wenn ich tatsächlich in eine solche Situation käme?

Diese Beispiele zeigen, dass die Herangehensweise genauso funktioniert wie bei allen anderen Träumen auch. Es geht weniger um die konkreten Traumbilder, sondern um die Gefühle und Grundmuster, die im Traum erlebt werden. Diese weisen eine direkte Verbindung zum Wachleben auf. Und die Tatsache, dass Traumthemen bei vielen Menschen in ähnlicher Weise vorkommen, zeigt nur, dass es im Wachleben zahlreiche Themen und Probleme gibt, mit denen viele Menschen in vergleichbarer Weise konfrontiert werden.

Ausgabe-1-2011

Foto: © phili201/photocase.de

Prof. Dr. phil. Dipl.-Psych. Michael Schredl ist weltweit einer der führenden Traumforscher. Er ist Wissenschaftlicher Leiter des Schlaf­labors am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim (Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg).


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