14/06 2008

Wie viel Schlaf braucht ein Kind?

von Simone Harland

Mein Baby schläft schon durch!“ Solche oder ähnliche Aussagen, wie sie manche Mütter stolz bereits innerhalb der ersten drei Lebensmonate ihres Kindes verkünden, verunsichern andere Mütter, deren Babys noch einen relativ ungeregelten Schlafrhythmus besitzen. Verständlich: Leiden die meisten frischgebackenen Eltern doch bereits kurze Zeit nach der Geburt an Schlafmangel, weil ihr Baby nachts des Öfteren aufwacht und sie sich um das Kind kümmern müssen. Da kommt leicht Neid auf, wenn andere darüber berichten, wie gut ihr Kind sich bereits an den Tag-Nacht-Rhythmus angepasst hat. Doch müssen Babys in dem Alter wirklich schon durchschlafen? Und wie viel Schlaf brauchen Kinder, aber auch Erwachsene, um am folgenden Tag wirklich fit zu sein?Die Antwort auf die erste Frage dürfte alle müdigkeitsgeplagten Eltern von Säuglingen beruhigen: Babys müssen selbstverständlich noch nicht durchschlafen! In den ersten vier bis sechs Lebensmonaten kommen die meisten von ihnen noch nicht über einen längeren Zeitraum ohne Nahrung aus. Allein aus diesem Grund werden die lieben Kleinen nachts mehrfach wach. Hinzu kommt, dass sie beim Übergang vom REM-Schlaf, der Traumschlafphase, in den Tiefschlaf in der Regel aufwachen. Auch das ist ganz normal. Nur müssen Eltern lernen, diese meist kurze Aufwachreaktion, die oft nur der Orientierung dient, vom Aufwachen aus Hunger zu unterscheiden. Vom Durchschlafen bei Säuglingen, die noch keine sechs Monate alt sind, spricht man übrigens bereits dann, wenn sie nachts fünf bis sechs Stunden am Stück schlafen. Doch auch, wenn dies bei ihrem Baby nicht der Fall ist, müssen Eltern sich keine Sorgen machen. Jedes Kind schläft irgendwann durch – manche früher, andere später! 

Der Schlaf der Neugeborenen
Das Schlafbedürfnis der meisten Neugeborenen ist ausgesprochen groß. Sie verschlafen noch den größten Teil des Tages, sind nach den Mahlzeiten in den meisten Fällen nur kurzzeitig wach. Etwa fünf bis sechs Schlafphasen pro Tag wechseln sich mit den Wachphasen ab. Es können jedoch auch mehr oder weniger sein – abhängig davon, ob es sich um ein Kind mit großem oder geringerem Schlafbedürfnis handelt. Neugeborene kennen zudem den Unterschied zwischen Tag und Nacht noch nicht. Sie müssen sich erst an den allgemeinen Schlaf-wach-Rhythmus anpassen, und das dauert seine Zeit. Haben sie Hunger, muss dieses Bedürfnis im wahrsten Sinne des Wortes gestillt werden, unabhängig von der Tages- oder eben Nachtzeit.Die meisten Kinder schlafen bis zum Alter von sechs Monaten zwischen 12 und 18 Stunden täglich. Die Dauer der jeweiligen Schlaf- und Wachphasen ist individuell unterschiedlich. Meist spielt sich nach kurzer Zeit ein gewisser Rhythmus ein, der jedoch insbesondere in den Zeiten der so genannten Entwicklungsschübe durcheinanderkommt bzw. sich mit zunehmendem Alter ändert. Die Wissenschaft spricht davon, dass Babys (aber auch Kleinkinder) einen polyphasischen Schlaf haben, auf Deutsch: mehrere Schlafphasen täglich brauchen, während der Schlaf ab dem Grundschulalter monophasisch verläuft, das heißt innerhalb von 24 Stunden nur eine Schlafphase erfolgt.Auch die Schlafstruktur von jungen Babys unterscheidet sich gravierend von der Erwachsener. So träumen Neugeborene noch sehr viel – der Anteil des REM-Schlafs, währenddessen hauptsächlich geträumt wird, liegt bei rund 50%. Mit zunehmender Reife des Gehirns nimmt er ab, bis er im Kleinkindalter etwa einen Anteil von 30% am Gesamtschlaf hat. Bei Erwachsenen liegt der Anteil dann nur noch bei etwa 25%, um schließlich bei den über 65-Jährigen auf ca. 20% abzusinken. Forscher gehen davon aus, dass Gedächtnisinhalte während der Traumschlafphase stärker verankert werden, weshalb der REM-Schlaf für Säuglinge eine besonders große Bedeutung besitzt.

Im Laufe der Entwicklung beschränkt sich der Schlaf in 
zunehmendem Maß auf die Nacht.

Schlafdauer und der Anteil des REM-Schlafs im Laufe des Lebens immer mehr ab.

Wenn das Kind dann größer wird ...
... schläft es immer weniger. So sinkt das Schlafbedürfnis ab dem zwölften Lebensmonat auf rund 15 Stunden täglich, wobei viele Kinder noch mehrfach am Tag schlafen, manche jedoch nur den Mittags- und den Nachtschlaf benötigen (biphasischer Schlaf). Einige beginnen zwischen dem ersten und zweiten Geburtstag sogar weitgehend auf den Mittagsschlaf zu verzichten. Im Alter von zwei bis drei Jahren sinkt das Schlafbedürfnis auf 13 bis 14 Stunden, wobei die meisten Kinder jetzt nur noch mittags und nachts schlafen. Ab dem vierten Lebensjahr ist meistens gar kein Mittagsschlaf mehr nötig. Mit etwa fünf Jahren schläft der Großteil der Kinder nur noch neun bis 13 Stunden – und zwar fast ausschließlich nachts. Grundschulkinder brauchen zwischen acht und zwölf Stunden Schlaf.Im Alter zwischen 12 und 18 Jahren sind die meisten Jugendlichen fast durchgehend müde. Das liegt einerseits an den großen geistigen und körperlichen Veränderungen während der Pubertät, andererseits daran, dass die meisten Jugendlichen nun länger aufbleiben und auch abends etwas erleben wollen – ein wichtiger Schritt hin zum Erwachsenwerden. Einer der Gründe: Das Hormon Melatonin, das der Körper ausschüttet, wenn es Zeit ist zu schlafen, wird ab der Pubertät zu einem späteren Zeitpunkt produziert als noch bei Kindern im Grundschulalter. Selbstverständlich lässt die Wirkung des Hormons dann auch später nach, weshalb viele Jugendliche morgens, wenn sie zur Schule müssen, noch todmüde sind. Schlafforscher sind der Ansicht, dass Jugendliche durchschnittlich etwa 9,5 Stunden, wenigstens jedoch 8,5 Stunden Schlaf benötigten, um sich richtig ausgeschlafen zu fühlen. Diese Menge Schlaf bekommen aber die Wenigsten, im Durchschnitt – so vermutet man – sind es nur etwa 7,5 Stunden. Kein Wunder, dass die meisten Jugendlichen ständig müde sind. Erst im Alter von 19 bis 20 Jahren kommen die meisten mit sieben Stunden Schlaf pro Tag, der durchschnittlichen Schlafdauer von Erwachsenen, aus.Noch ganz kurz etwas zum Schlafbedürfnis bei Erwachsenen: Mit zunehmendem Lebensalter wird der Schlaf oberflächlicher, vielen älteren Menschen fällt es zudem schwer durchzuschlafen. Ein Grund: Die Dauer des Tiefschlafs sinkt mit dem Alter. Im Alter von 65 bis 80 Jahren wird der Schlaf dann oft wieder biphasisch, das heißt, rund 60% aller Personen in diesem Alter legen zusätzlich zum Nachtschlaf mittags ein Nickerchen ein. Viele hochbetagte Menschen nicken zudem tagsüber zwischendurch immer mal wieder ein – die Schlafstruktur ähnelt nun wieder der von Säuglingen.

Ausgabe-2-2008

Foto: © Chlorophylle/Fotolia.com

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