04/08 2011

Seltene Erkrankungen – seltene Schlafstörungen

Wer in eine Apotheke geht und sich „lebensnotwendige“ oder „krankheitsbedingt notwendige“ Arzneimittel besorgt, ist mit allerlei Komplikationen konfrontiert. Schon seit einigen Jahren ist der Patient daran gewöhnt, nicht mehr das Originalpräparat zu erhalten, sondern ein billigeres mit dem gleichen Inhaltsstoff. Verträgt er das Präparat nicht, soll er die Differenz zum ursprünglichen Originalpräparat oft selbst tragen. Das mag in vielen Fällen richtig sein, aber eben nicht in allen, da die Präparate zwar denselben Inhaltsstoff haben, die abgegebene Menge kann aber um bis zu 25 % schwanken. Des Weiteren können unterschiedliche Hüllsubstanzen zu einer veränderten Freisetzung führen oder bei Laktose- oder Fruktose-Unverträglichkeit zu Problemen führen. Wenn der Arzt nicht das Kreuz bei „aut idem“ (das gleiche Präparat) gemacht hat, entscheidet inzwischen die Apotheke, welches Präparat ausgegeben wird, da dies in vielen Fällen durch Krankenkassenverträge festgelegt ist und dann keinen Spielraum lässt. Einige Präparate, die bisher mit der üblichen Zuzahlung ausgegeben wurden, erfordern jetzt Selbstbeteiligung, weil sie als „genauso wirksam befunden wurden“ wie Präparate ähnlicher Wirkung. Bei fast 100 000 Medikamenten scheint das alles sinnvoll und ökonomisch.

Wie steht es aber um Medikamente, die wirksam sind und für die keine doppelblinden, randomisierten, Placebo-kontrollierten Studien existieren? Das trifft für alte Medikamente zu, die oft so billig sind, dass sich Studien nicht mehr lohnen. Das betrifft aber auch alle so genannten „Off-Label“- Medikamente. Dies sind Medikamente, bei denen die Krankheit, für die sie verabreicht werden, nicht als „Indikation“ (Anwendungsbereich) angegeben ist. Der „Off-Label“-Gebrauch trifft fast alle Präparate für Säuglinge und Kinder, da es für diese Gruppe aus ethischen Gründen kaum Studien gibt. Zugelassene Indikationen fehlen aber auch für seltene und weniger seltene Erkrankungen. In der Schlafmedizin sind dies die Schläfrigkeit bei Schichtarbeit, die Narkolepsie, die idiopathische Hypersomnie, das Kleine- Levin-Syndrom, die REM-Schlaf-Verhaltensstörung und andere Erkrankungen wie z. B. Schlafwandeln und chronisch verschobene Schlaf-Wach-Rhythmen. Wenn die Krankenkasse die Kostenrückerstattungen sehr eng auslegt, kann sie die Kostenerstattung verweigern. Dann kann der Arzt begründen warum dieses Medikament erforderlich ist. Hierfür muss er eine Stellungnahme abgeben, die nachweist, dass das Präparat wirksam ist, dass für die Wirksamkeit Studien vorliegen, dass bisher andere empfohlene Medikamente erfolglos eingesetzt wurden (ein Widerspruch in sich) und dass die Lebensqualität des Patienten erheblich beeinträchtigt ist. Oft erfolgt erst nach mehreren Wochen bis Monaten eine Antwort und die ist oft negativ. Dann muss der betroffene Patient selbst aktiv werden. Wie das strukturiert geschehen kann und sollte, müsste in den Selbsthilfegruppen erarbeitet werden. Die Patientenvertreter haben in vielen Gremien – so auch in dem Ausschuss „Orphan Drugs“ (Medikamente für seltene Erkrankungen) des Gemeinsamen Bundesausschusses Ärzte und Krankenkassen – ein Anhörungsrecht. Inwieweit seltene Schlafstörungen, die zwar lebenslang anhalten, aber nicht tödlich sind, eine Chance zur regelhaften Erstattung durch die Kassen haben, ist daher wesentlich auch vom Engagement der Patienten abhängig. 

Ausgabe-3-2011

Foto: © kallejipp/photocase.de

Prof. Geert Mayer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) 


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