Liebe Leserin, lieber Leser,
Ein- und Durchschlafstörungen und obstruktive Schlafapnoe treten oft zusammen auf. Schlafexperten nennen dieses Phänomen COMISA – der Name leitet sich aus dem englischen „Co-Morbid Insomnia and Sleep Apnea“ („komorbide Insomnie und obstruktive Schlafapnoe“) her. Beide Schlafstörungen haben ähnliche Folgeerscheinungen, die sich in Kombination miteinander summieren: COMISA-Patienten sind tagsüber oft sehr viel müder als Menschen, die nur an einem dieser beiden Schlafprobleme leiden, und haben auch eine kürzere Lebenserwartung. Um dieses wichtige Thema ging es in einem Industriesymposium auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) im Herbst 2025 und wir berichten darüber.
Eine unbehandelte Schlafapnoe führt nicht nur zu lautem Schnarchen und Tagesschläfrigkeit, sondern kann auch Intimität, sexuelles Wohlbefinden und die Dynamik von Partnerschaften beeinträchtigen – Probleme, über die viele Paare nur ungern sprechen, die jedoch nicht unlösbar sind. Denn eine neue wissenschaftliche Analyse zu diesem heiklen Thema zeigt: Durch eine CPAP-Therapie verbessert sich die sexuelle Gesundheit und die Beziehungszufriedenheit bei Männern ebenso wie bei Frauen.
Schlaf beeinflusst mehr als nur unsere Konzentration und Leistungsfähigkeit: Auch die Augen reagieren sensibel auf unruhige Nächte. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass sowohl die Dauer als auch die Qualität des Schlafs mit der Sehleistung und mit häufigen altersabhängigen Augenerkrankungen zusammenhängen. Besonders ungünstig wirken sich dauerhaft zu kurze oder stark gestörte Nächte aus. Die „Stiftung Auge“ erklärt, welche Folgen das für die Augengesundheit haben kann und wie Sie Ihre Augen aktiv schützen können.
Bis zu einem Drittel aller Erwachsenen in Deutschland leidet unter Ein- und Durchschlafschwierigkeiten oder nicht-erholsamem Schlaf und eingeschränkter Leistungsfähigkeit bei Tage. Rund 5,5 % haben sogar eine chronische Schlafstörung – mit massiven Folgen für unsere Gesundheit und unsere Volkswirtschaft. Trotzdem wird bei uns nach wie vor viel zu wenig für die Vorbeugung, Diagnostik und Therapie von Schlafstörungen getan. Die Schlafmedizin ist das Stiefkind unseres Gesundheitswesens: An allen Ecken und Enden wird gespart. Selbst auf eine Diagnostiknacht im Schlaflabor muss man oft monatelang warten, weil es zu wenig Schlaflabore gibt und die Wartezeiten viel zu lang sind. So kann das nicht weitergehen, hat ein Team aus mehreren renommierten Schlafmedizinern, Politikern und dem Vorstand des Bundesverbands Schlafapnoe und Schlafstörungen Deutschland sich gesagt – da müssen wir etwas tun. Die Expertenrunde fordert die politisch Verantwortlichen in Deutschland auf, konkrete Schritte zu unternehmen, um das wachsende gesellschaftliche Sicherheits- und Produktivitätsrisiko von Schlafstörungen zu bewältigen und die Folgen einzudämmen.
Ich wünsche Ihnen wie immer eine informative Lektüre.
Dr. Magda Antonic
6 COMISA:
Insomnie und Schlafapnoe im „Doppelpack“
16 Schlafapnoe und sexuelle Gesundheit
18 Schlafmangel erhöht Risiko für Augenerkrankungen
20 „Nachteule“ – doch kein unausweichliches Schicksal?
22 Milliardenverluste durch Schlafstörungen:
Experten fordern Politik in Deutschland zum Handeln auf
26 Medikamente:
eine Ursache für Schlafstörungen, an die kaum jemand denkt
32 Endlich ein Medikament gegen obstruktive Schlafapnoe?
34 Nicht immer leicht zu verstehen, aber wichtig: der Beipackzettel
37 Neues Schlaflabor in der Region Hannover
38 Patienten mit „unruhigen Beinen“ zu helfen,
war seine Leidenschaft: Führender deutscher
Schlafmediziner überraschend verstorben
42 „Gut essen, gut schlafen“:
Was Schlaf und Ernährung miteinander zu tun haben
45 BSD-Ratgeber „Schlaf und Ernährung“
45 Der Schlaftipp vom Fachmann
46 Wenn Haarwurzeln den Chronotyp anzeigen
48 Die Kolumne: Frühjahrsmüdigkeit
49 Maskentipps: Leckagen, Druckstellen und trockene Schleimhäute
Ein- und Durchschlafstörungen und obstruktive Schlafapnoe treten oft zusammen auf. COMISA nennen Schlafexperten dieses Phänomen – ein Name, der sich aus dem englischen „Co-Morbid Insomnia and Sleep Apnea“ („komorbide Insomnie und obstruktive Schlafapnoe“) herleitet. Beide Schlafstörungen haben ähnliche Folgeerscheinungen (Tagesschläfrigkeit, Konzentrationsprobleme,
Energielosigkeit), die sich in Kombination miteinander allerdings summieren: COMISA-Patienten sind tagsüber oft sehr viel müder als Menschen, die nur an einem dieser beiden Schlafprobleme leiden, und haben auch eine kürzere Lebenserwartung. Um dieses wichtige Thema ging es in einem Industriesymposium bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) im Herbst 2025.
Marion Zerbst
Patientengeschichte
Gunter Gripp war erst knapp über Fünfzig, als bei ihm erste Symptome einer seltenen Autoimmunerkrankung auftraten. Diese Krankheit namens Anti-IgLON5-Syndrom führt oft zur Entstehung einer obstruktiven Schlafapnoe (OSA).
„Das war ein Hauptsymptom meiner Erkrankung“, erzählte Herr Gripp. „Plötzlich fing ich an, stark zu schnarchen, und hatte Atemaussetzer.“ Damals wusste er noch nichts von seiner Autoimmunstörung, und bei dem Schnarchen mit Atempausen dachte er sich zunächst nichts Schlimmes. Erst im Zentrum für Seltene Erkrankungen an der Uniklinik Lübeck wurde aufgrund der Schilderung seiner Symptome die Diagnose „Anti-IgLON5-Syndrom“ gestellt, und ungefähr ein halbes Jahr später erfuhr er anlässlich einer Untersuchung im Schlaflabor dann auch von seiner Schlafapnoe.
„Die Ärzte verschrieben mir ein APAP-Gerät, das ich auch heute noch jeden Tag nutze“, berichtete er. „Danach habe ich noch ungefähr zwei Jahre lang weitergearbeitet; doch trotz der Behandlung meiner OSA ging es mir immer schlechter, und schließlich war ich gezwungen, die Reißleine zu ziehen: In der Reha empfahl man mir, meinen Job aufzugeben und in Frührente zu gehen, und das habe ich dann auch getan.“
Denn da Herr Gripp zusätzlich zu seiner (mittlerweile zum Glück gut therapierten) Schlafapnoe auch unter Durchschlafstörungen und frühmorgendlichem Erwachen litt, war er beruflich kaum noch leistungsfähig. „Ich hatte ein Ingenieurbüro; und in diesem Beruf gilt das Prinzip der Null-Fehler-Toleranz: Man muss schon sehr genau aufpassen, was man tut – und vieles konnte ich einfach nicht mehr. Also habe ich meine Arbeitszeit zunächst reduziert und bin dann in den Vorruhestand gegangen. Doch obwohl ich nicht mehr berufstätig war, wurde das Problem mit den Durchschlafstörungen und dem frühen Erwachen nicht besser, und ich war tagsüber ständig hundemüde. Daraufhin hat mein behandelnder Schlafmediziner vorgeschlagen, mein Schlafproblem mit einer kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) zu behandeln, und mir zu diesem Zweck eine digitale Gesundheits-App verschrieben. Diese drei Bausteine – das Ausscheiden aus dem Beruf, die Behandlung meiner Schlafapnoe mit dem APAP-Gerät und die kognitive Verhaltenstherapie – haben dazu geführt, dass ich jetzt wieder ein halbwegs normales, gutes Leben führen kann.“
Die digitale Gesundheits-App (kurz: DiGA) mit dem Namen „somnio“ kann von Ärzten oder Psychotherapeuten per Kassenrezept verordnet werden. Sobald der Patient das Rezept bei seiner Krankenversicherung eingereicht hat, kann er die App freischalten und auf einem Smartphone, Tablet oder PC mit der Therapie beginnen.
„Man wird für drei Monate freigeschaltet“, erklärte Herr Gripp, „und absolviert dann so ungefähr ein bis zwei Module pro Woche. Bei mir hat das Modul mit der Bettzeitverkürzung besonders gut angeschlagen. Anfangs konnte ich damit gar nicht viel anfangen und dachte: Das funktioniert nicht. Doch dann konnte ich mithilfe dieser Strategie auf einmal sehr gut schlafen. Vorher hatte ich nur noch drei oder vier Stunden pro Nacht geschlafen, und am Ende der somnio-Therapie – also nach drei Monaten – waren es immerhin schon sechs bis sechseinhalb Stunden.“
Das ermutigte Herrn Gripp dazu, sich noch ein bisschen intensiver mit den Lernmodulen dieser App zu beschäftigen. „Ich habe meinen Arzt um eine Wiederholungsverordnung gebeten, weil ich einzelne Module gerne noch ein bisschen verfestigen wollte – vielleicht nicht alle Theorie-Teile, aber doch zumindest das Schlaf-tagebuch, das meiner Meinung nach sehr anwenderfreundlich ist. Außerdem wollte ich das Tool der Bettzeitverkürzung noch einmal nutzen.“
Prinzipiell ist die somnio-App zwar darauf ausgelegt, dass man sie innerhalb von drei Monaten abschließen kann; aber manche Patienten brauchen ein bisschen mehr Zeit, um alle Module durchzuarbeiten, und in solchen Fällen ist es auch kein Problem, sich ein Wiederholungsrezept ausstellen zu lassen.
In seinem Beruf kann Herr Gripp zwar trotz dieses Behandlungserfolgs nicht wieder arbeiten, engagiert sich aber mittlerweile ehrenamtlich in einem Sozialverband, was ihm große Freude macht.
Ein ziemlich häufiges und folgenschweres Problem
Mit dem Australier Dr. Alexander Sweetman hatte die DGSM diesmal einen der bekanntesten COMISA-Forscher zu Gast. Er berichtete über Häufigkeit, Folgen und Behandlungsmöglichkeiten dieser Erkrankung, die bei Schlafmedizinern leider noch gar nicht so bekannt, aber relativ häufig ist: „30 bis 40 % aller Patienten mit Ein- und Durchschlafstörungen (Insomnien) leiden gleichzeitig auch an einer obstruktiven Schlafapnoe, und 30 bis 50 % aller Schlafapnoiker haben eine Insomnie“, berichtete Dr. Sweetman. Und den Patienten, die von beiden Übeln betroffen sind, geht es sehr viel schlechter als denjenigen, die nur an einer Schlafstörung oder OSA leiden: Sie brauchen abends länger zum Einschlafen und liegen nachts öfter und länger wach. Auch ihre Schlafapnoe macht sich mit häufigeren
Atemaussetzern, mehr Weckreaktionen und tieferen Sauerstoffentsättigungen bemerkbar. Die beiden Schlafprobleme verstärken sich also gegenseitig, und dementsprechend schlechter ist das Befinden und die Leistungsfähigkeit der
Patienten am nächsten Tag. Und nicht nur das: COMISA-Patienten leiden auch öfter unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen und haben insgesamt eine kürzere Lebenserwartung.
Was tut man gegen das zweifache Übel?
Wenn man an einer COMISA leidet, ist es daher umso wichtiger, beide Probleme behandeln zu lassen: nicht nur die Schlafapnoe, sondern auch die Ein- und Durchschlafstörung.
Aber wie?
Das ist leider gar nicht so einfach. Denn die bei Schlafstörungen nach wie vor häufig verschriebenen Benzodiazepine sind für Schlafapnoiker tabu, weil sie eine muskelentspannende Wirkung haben und das krankhafte Schnarchen dadurch verschlimmern können. Auch Z-Substanzen wie Zolpidem, Zopiclon oder Eszopiclon wirken muskelentspannend, wenn auch nicht ganz so stark. Außerdem können beide Substanzklassen abhängig machen. Und auch viele andere verschreibungspflichtige Schlafmittel gehen mit Risiken und unerwünschten Nebenwirkungen einher. Das optimale Schlafmittel gibt es leider noch nicht! Als Insomnie-Therapie der ersten Wahl gilt daher die kognitive Verhaltenstherapie, die versucht, den Schlaf durch Veränderung kontraproduktiver Denkmuster und Verhaltensweisen zu verbessern, und somit direkt bei den Ursachen der Insomnie ansetzt.
Hier gibt es aber leider auch ein Problem: Denn die Insomnie ist die häufigste Schlafstörung, die es gibt; und die wenigen Psychotherapeuten und Schlafmediziner, die sich gut genug mit der kognitiven Verhaltenstherapie für Insomniker (KVT-I) auskennen, reichen für das schier unüberschaubare Heer schlafloser Patienten bei weitem nicht aus.
Auch die Therapie der zweiten COMISA-Komponente (nämlich der obstruktiven Schlafapnoe) ist nicht ganz so einfach: Die häufigste und nach wie vor wirksamste Strategie gegen eine Schlafapnoe – die Behandlung mit einem Atemtherapiegerät wie beispielsweise CPAP – ist für Apnoiker, die gleichzeitig auch noch schlecht schlafen, zimlich schwer zu verkraften. Denn wenn man abends ohnehin schlecht einschlafen kann und nachts immer wieder wach wird, sind Gerät und Maske natürlich ein zusätzlicher schlafstörender Faktor. Deshalb kommen viele COMISA-Patienten mit der CPAP-Therapie nicht zurecht, und ihre Compliance ist dementsprechend schlecht.
„Inzwischen gibt es rund 20 wissenschaftliche Studien über die Zusammenhänge zwischen CPAP-Therapie und COMISA“, erklärte Dr. Sweetman in seinem Vortrag. Und die zeigen, dass die Chancen für eine ausreichende CPAP-Compliance bei COMISA-Patienten in der Tat sehr schlecht stehen: Viele fangen trotz ausdrücklicher Empfehlung ihres Schlafmediziners gar nicht erst mit so einer Behandlung an. Und nicht nur das: „Je schwerer die Insomnie, umso kürzer nutzen die Patienten, die sich tatsächlich auf die Therapie einlassen, ihr CPAP-Gerät pro Nacht. Wenn wir mit ihnen sprechen, klagen sie häufig über Schwierigkeiten mit ihrer CPAP-Therapie: Nachts liegen sie oft lange wach und haben das Gefühl, dass ihre Insomnie durch das Schlafen mit Gerät und Maske noch schlimmer geworden ist.“
Umso wichtiger ist es gerade bei solchen Patienten, gleichzeitig auch die Insomnie mitzubehandeln. Und in dieser Hinsicht brachte Dr. Sweetman zum Glück eine sehr gute Nachricht aus Australien mit: Die Kombination aus kognitiver Verhaltenstherapie gegen Ein- und Durchschlafstörungen und CPAP gegen Schlafapnoe funktioniert – und zwar auch mithilfe einer App, so ähnlich wie die DiGA „somnio“, die Gunter Gripp über sein hartnäckiges Schlafproblem hinweggeholfen hat!
Dr. Sweetman hat zu diesem Zweck zusammen mit einem Team aus Schlafmedizinern selbst eine App für Insomniker namens „Bedtime Window“ entwickelt und damit eine kleine Studie an COMISA-Patienten durchgeführt – mit dem Ergebnis, dass sie dadurch sehr viel besser schlafen konnten.
Als Nächstes untersuchten Dr. Sweetman und sein Team, ob sich dadurch auch die CPAP-Compliance der Patienten verbessern ließ – und tatsächlich: Die COMISA-Patienten, die mit dieser App arbeiteten, waren viel eher bereit, eine CPAP-Therapie zu akzeptieren, und nutzten sie auch häufiger.
CPAP oder KVT-I – was sollte zuerst kommen?
Die Antwort auf diese Frage hängt natürlich auch von den individuellen Präferenzen des Patienten ab. Auf den ersten Blick spricht sicherlich manches dafür, zunächst die Insomnie mit einer kognitiven Verhaltenstherapie zu behandeln – aus dem einfachen Grund, weil die Patienten, wenn sie ihre Schlafstörung in den Griff bekommen, anschließend weniger Probleme mit einer CPAP-Therapie haben werden. Andererseits sind aber auch nicht alle Patienten für eine kognitive Verhaltenstherapie zu begeistern, denn diese Behandlungsmethode ist sehr zeit- und arbeitsaufwändig – ohne eigene Mitwirkung geht da gar nichts. Und manche Therapiebausteine sind auch gar nicht so leicht zu bewältigen. Das gilt z. B. für die Bettzeitrestriktion, mit der auch Gunter Gripp am Anfang seine Probleme hatte: Hinter dieser Strategie steckt die Erkenntnis, dass viele Menschen mit Ein- und Durchschlafstörungen nachts übermäßig viel Zeit im Bett verbringen, um trotz ihres Insomnie-Problems möglichst viele Schlafstunden „zusammenzubekommen“. Damit erreicht man aber leider genau das Gegenteil: Der Schlafdruck schwächt sich ab, und man liegt nachts noch öfter und länger wach.
Um diesem Problem entgegenzuwirken, wird die Zeitdauer, die der Patient im Bett verbringen darf, begrenzt: Er darf nachts nur so lange im Bett liegen, wie er in den letzten zwei Wochen durchschnittlich geschlafen hat. (Wenn er also
z. B. nur vier Stunden pro Nacht geschlafen hat und morgens normalerweise um sechs Uhr aufsteht, dann darf er eben erst um zwei Uhr nachts zu Bett gehen. Tagesschläfchen sind verboten.) Dadurch baut sich mit der Zeit ein so starker Schlafdruck auf, dass der Patient seine Bettzeit tatsächlich größtenteils schlafend verbringt. Anfangs fällt es aber vielen Patienten schwer, ihre Bettliegezeit auch noch zu verkürzen, wenn sie doch ohnehin schon so schlecht schlafen. Das weckt Ängste und schreckt manche schlafgestörte Menschen ab.
Ist der Patient dagegen bereit, die Zeit und Mühe für eine kognitive Verhaltenstherapie zu investieren, so ist es natürlich sinnvoll, wenn er zunächst einmal diese Behandlung absolviert und man ihm erst anschließend eine CPAP-Therapie verordnet. „Ein patientenzentriertes Vorgehen ist also sehr wichtig: Man muss zuerst mal mit den Patienten reden und sich über ihre Präferenzen klar werden“, erklärte Dr. Sweetman. „Wenn man das alles berücksichtigt, sprechen die Untersuchungsergebnisse meiner Ansicht nach dafür, dass es tatsächlich ein bisschen besser ist, mit der kognitiven Verhaltenstherapie zu beginnen. Aber im medizinischen Alltag haben wir das sowieso nicht immer in der Hand. Denn manchmal wird die obstruktive Schlafapnoe bei einem Patienten zuerst – also vor der Insomnie – erkannt und behandelt, und manchmal ist es genau umgekehrt. Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Wenn ein Patient bereits auf CPAP eingestellt worden ist und anschließend noch an einer Insomnie leidet, hilft die kognitive Verhaltenstherapie ihm trotzdem – auch wenn sie erst als zweiter Behandlungsschritt kommt. Für die Wirksamkeit spielt die Reihenfolge also keine Rolle.“
Warum sich durch eine KVT-I auch die Schlafapnoe bessert
Bei den langen Wartezeiten in unseren Schlaf-laboren ist es aber zumindest in Deutschland wohl realistischer, zunächst die KVT-I durchzuführen und dann erst die Schlafapnoe zu behandeln. „Das wirkt sich positiv auf die Akzeptanz der anschließenden CPAP-Therapie aus“, erklärte der Schlafmediziner und Pneumologe Dr. Holger Hein in seinem Vortrag „Insomnie-Screening und COMISA-Behandlung: Best Practices für Praxis und Schlaflabor“.
Das Gute an dieser Kombitherapie ist, dass sich unter einer kognitiven Verhaltenstherapie bei COMISA-Patienten nicht nur die Insomnie bessert, sondern auch der Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) – also der Schweregrad der Schlafapnoe – abnimmt, wie eine erst vor kurzem im Journal of Clinical Sleep Medicine erschienene Untersuchung gezeigt hat. Die Schlafapnoe besserte sich bei diesen Patienten vermutlich indirekt über eine verbesserte Schlafkontinuität und mehr Tiefschlaf: „Man schläft etwas ruhiger und hat weniger Schlaf-wach-Übergänge“, erklärte Dr. Hein, der diese neue Studie im Rahmen seiner Präsentation vorstellte. Und der große Vorteil dabei ist eben, dass diese KVT-I auch dann wirkt, wenn die Patienten sie in digitaler Form absolvieren. „Ich verschreibe somnio relativ häufig und gerne, und bei den meisten Patienten funktioniert das sehr gut – auch bei den älteren. Denn die Senioren sind im Lauf der Zeit deutlich internetaffiner geworden.“
Wichtig ist eine genaue Diagnostik: „Man darf sich als Arzt nicht nur auf die Schlafapnoe konzentrieren, sondern sollte daran denken, dass der Patient eben auch eine Insomnie haben könnte, und gezielt danach fragen.“ Dr. Hein empfiehlt, COMISA-Patienten unbedingt ein Schlafprotokoll führen zu lassen: „Dazu kann ich nur raten, damit die Patienten merken, wie sie eigentlich schlafen. Denn wenn ich jemanden frage: `Wie haben Sie vor einer Woche geschlafen?´, wissen die meisten Patienten das nicht mehr. Die letzten drei Tage sind ihnen vielleicht schon noch im Gedächtnis, aber ein, zwei oder drei Wochen zurück reicht ihre Erinnerung nicht. Und schon allein das Aufschreiben – wann man ins Bett gegangen ist und wie lange man schläft – zeigt vielen Leuten, dass ihr Schlafproblem vielleicht doch nicht so groß ist, wie sie dachten.“
Wichtig: genaue Überwachung des CPAP-Therapieerfolgs
Gerade bei einer COMISA ist es wichtig, nicht nur die Insomnie zu behandeln, sondern auch die CPAP-Therapie der Patienten genau zu überwachen und bei Bedarf zu optimieren. „Man sollte regelmäßige Nachuntersuchungen durchführen und schauen: Ändert sich die Tagessymptomatik des Patienten oder nicht? Leidet er immer noch an einem gestörten Schlaf? Und wenn ja: Woran liegt das? Stecken technische oder praktische Probleme dahinter – z. B., dass die Maske nicht richtig sitzt, die Schleimhäute gereizt sind usw.? Oder gibt es womöglich noch ein bisher unentdecktes Problem, das über die Insomnie und die Schlafapnoe des Patienten hinausgeht? Er könnte zusätzlich ja beispielsweise auch noch an periodischen Beinbewegungen im Schlaf oder einem Restless Legs Syndrom leiden.“
Diese genaue Überprüfung und Optimierung der CPAP-Therapie ist ein sehr wichtiger Aspekt. Noch besser wäre es natürlich, bei COMISA-Patienten, die mit CPAP therapiert werden, nicht nur die Ein- und Durchschlafstörung zu behandeln, sondern ihnen zeitgleich auch ein CPAP-Coaching anzubieten, das die wichtigsten potenziellen Probleme dieser Therapie abdeckt und eine Art Troubleshooting durchführt.
Genau auf diese Idee ist ein Team aus amerikanischen Schlafmedizinern vor ein paar Jahren gekommen: Sie behandelten 125 Kriegsveteranen, die unter einer schon länger bestehenden Insomnie und neu diagnostizierter Schlafapnoe litten, mit einer fünfwöchigen Kombinationstherapie aus KVT-I und einem CPAP-Compliance-Programm unter Leitung eines geschulten Schlafcoachs. Das Compliance-Programm umfasste wichtige Themen wie Eingewöhnung in die Therapie, Informationen über Masken, Komfortfunktionen von CPAP-Geräten usw. Und da das CPAP-Coaching in Einzelsitzungen durchgeführt wurde, konnte der Coach auch sehr individuell auf die Probleme und Therapieerfolge der Patienten eingehen und besprach mit ihnen von Woche zu Woche so wichtige Fragen wie:
• Was für Vorteile hat Ihre CPAP-Therapie Ihnen bisher gebracht?
• Welche Schwierigkeiten haben Sie mit Gerät und Maske?
• Wie motiviert sind Sie zurzeit für die Therapie?
• Welchen Plan haben Sie diese Woche für Ihre CPAP-Therapie: Wie viele Stunden pro Nacht möchten Sie Ihr Gerät (mindestens) nutzen?
• Haben Sie Ihr letztes Wochenziel erreicht?
• Falls nein: warum nicht? usw.
Im KVT-I-Segment des Coachings ging es um Themen wie Ursachen von Ein- und Durchschlafstörungen, Führen eines Schlaftagebuchs, gleichbleibende Aufsteh- und Zubettgehzeiten, Entspannungstechniken, Schlafhygiene und Bettzeitverkürzung, wobei ebenfalls individuell auf die Bedürfnisse und Probleme des einzelnen Patienten eingegangen wurde.
Diese Schulung verbesserte nicht nur den Schlaf, sondern auch die CPAP-Nutzung der Kriegsveteranen signifikant. „Wir sind überzeugt davon, dass unsere Methode eine vielversprechende Therapieoption für erwachsene Patienten mit Insomnie und obstruktiver Schlafapnoe darstellt – eine Kombinationstherapie aus KVT-I und CPAP-Compliance-Coaching, die gleich zu Beginn der CPAP-Therapie durchgeführt wird“, lautet das optimistische Fazit der Studienautoren. „Dieses integrierte Therapieprogramm (…) kann Patienten die langfristige CPAP-Nutzung erleichtern.“
Werden Sie Ihr eigener Coach!
Natürlich wäre es sinnvoll, solche Programme flächendeckend anzubieten, da COMISA offenbar eben doch ein sehr häufiges Problem ist. Aber das dürfte wohl – wie so vieles im Leben – am lieben Geld scheitern. Denn wie soll unser Gesundheitssystem solche aufwändigen Schulungsmaßnahmen für all die vielen CPAP-Patienten finanzieren, die unter COMISA leiden?
Doch auch ohne ein solches Coaching können Sie sich selber weiterhelfen, indem Sie zur Behandlung Ihres Schlafproblems eine App wie beispielsweise somnio nutzen. Das kostet Sie keinen Cent – und was Ihre Schwierigkeiten beim Einstieg in die CPAP-Therapie angeht, ist es sicherlich sinnvoll, so ähnlich vorzugehen wie bei dem oben beschriebenen Programm, wobei Sie jedoch Ihr eigener Coach sein müssen: Dokumentieren Sie allwöchentlich in einer Art Tagebuch die wahrgenommenen Vorteile Ihrer CPAP-Therapie (wie verbessern Ihr Schlaf und Ihr Tagesbefinden sich dadurch?). Notieren Sie sich aber bitte auch die Probleme, die Sie mit dieser Therapie haben, genau. Und geben Sie nicht auf, wenn irgendetwas nicht gleich klappt! Kontaktieren Sie bei Problemen mit Gerät oder Maske Ihren Homecare-Provider und bestehen Sie darauf, dass Ihnen geholfen wird. Natürlich kann Ihnen auch die Mitgliedschaft in einer Selbsthilfegruppe für Schlafstörungen und/oder obstruktive Schlafapnoe eine große Hilfe sein. Denn in solchen Gruppen hilft man sich gegenseitig, und es gibt bestimmt viele erfahrene Mitglieder, die Ihnen als CPAP-Neuling mit Rat und Tat zur Seite stehen können. Gerade für Sie als COMISA-Patient – also mit einer zweifachen Schlafstörung – ist die Mitgliedschaft in so einer Selbsthilfegruppe wichtig. Denn Sie erhalten dort nicht nur die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch mit anderen Mitgliedern, sondern können auch an Info-Veranstaltungen teilnehmen, erhalten Broschüren, Patientenratgeber und viele andere Hilfeleistungen.
Quellen:
Industriesymposium mit dem Titel „Insomnie erkennen – Schlafapnoe erfolgreich behandeln: Was funktioniert wirklich bei COMISA (Comorbid Insomnia and Sleep Apnea)?“ anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlaf-forschung und Schlafmedizin (DGSM) im Herbst 2025
„Hope for treating sleep disorders, no pills required“. news.flinders.edu.au/blog/2024/03/14/hope-for-treating-sleep-disorders-no-pills-required/
Elliot J. Brooker et al.: Cognitive behavioral therapy for insomnia is
associated with reduced sleep apnea severity but not its endotype traits in those with comorbid insomnia and sleep apnea. J Clin Sleep Med. 2025 Jun 1;21(6):1041-1051. doi: 10.5664/jcsm.11636
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40078103/
Cathy A. Alessi et al.: „Randomized controlled trial of an integrated
approach to treating insomnia and improving the use of positive airway pressure therapy in veterans with comorbid insomnia disorder and
obstructive sleep apnea“. Sleep. 2020 Nov 21;44(4):zsaa235. doi: 10.1093/sleep/zsaa235