Aktuelles Heft

Das Schlafmagazin: Ausgabe 1/2026


Liebe Leserin, lieber Leser,

um Schlafstörungen erkennen, ihnen vorbeugen und sie behandeln zu können, muss man gut über den Schlaf informiert sein – nicht nur als Arzt, sondern auch als medizinischer Laie. Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Schlaf besser verstehen zu lernen, dieses Wissen an die Öffentlichkeit weiterzugeben und auf diese Weise dafür zu sorgen, dass die Menschen den Schlaf ernster nehmen – eine Arbeit, zu der auch die alljährliche Tagung der DGSM einen wichtigen Beitrag leistet. Wir berichten in dieser Ausgabe des Schlafmagazins über einige wichtige Themen, die auf der DGSM-Tagung in Hannover behandelt wurden.

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Wir stellen Ihnen auch „iSleep well“ vor. Dieses Online-Therapieprogramm möchte Menschen mit Ein- und Durchschlafstörungen (Insomnien) helfen, nachts wieder besser zur Ruhe zu kommen.

Weltweit leiden zurzeit über 936 Millionen Menschen an einer obstruktiven Schlafapnoe; und bei rund 40 % dieser Fälle handelt es sich um eine mittelschwere bis schwere schlafbezogene Atmungsstörung. In den USA sind schätzungsweise 30 bis 60 Millionen Erwachsene von dem krankhaften Schnarchen mit Atemaussetzern betroffen. Schlafforscher haben nun errechnet wie viele Menschen bis zum Jahr 2050 voraussichtlich an obstruktiver Schlafapnoe erkrankt sein werden – mit erschreckenden Ergebnissen: Die Schlafapnoe-Pandemie steht vor der Tür und lässt sich wohl kaum mehr abwenden.

Viele Menschen leiden unter häufigen Albträumen, die ihnen nicht nur den Schlaf rauben, sondern oft auch den ganzen Tag überschatten. Eine wissenschaftlich anerkannte Methode, die „Imagery Rehearsal Therapy“, kann helfen. Das Projekt „reDreamAI“ der Universität Osnabrück möchte diese Hilfe nun per App leichter zugänglich machen.

Wir sprechen zwar davon, abends zu Bett bzw. schlafen zu gehen, morgens mal leicht, mal schwer in die Gänge zu kommen, dann z. B. zur Arbeit und anschließend wieder nach Hause zu gehen. Doch nur die wenigsten Menschen machen sich Gedanken darüber, welche Rolle das tatsächliche Gehen dabei spielt und wie dieses die Lebensqualität nachts und tagsüber positiv beeinflussen kann. Dr. Christoph Nitschke erklärt das in seinem Artikel.

Ich wünsche Ihnen wie immer eine informative Lektüre.
 

Dr. Magda Antonic


(Coverbild: © Frank-Peter Funke/Fotolia)

Die nächste Ausgabe des Schlafmagazins erscheint im Mai 2026
Inhalt

6 Neue Wege in der Schlafmedizin  

12 Neue Perspektiven in der schlafmedizinischen Versorgung 

16 Endlich keine Schäfchen mehr zählen! 
Kostenlose Hilfe von Schlafexperten  

18 Teilnehmer gesucht: 
Chronisch erschöpft? Magdeburger Forschungsteam prüft neue Behandlungsmethode  

20 Schlafapnoe – die Pandemie der Zukunft   

22 Eine echte Berg- und Talbahn:
Mein langer Weg zu einer gut eingestellten Schlafapnoe  

25 Zeitumstellung:
So schlimm ist sie eigentlich gar nicht 

26 Entspannungswörter, Qigong und ASMR-Stimuli:
Wie man seinen Schlaf verbessern kann

28 Unser soziales Umfeld verfolgt uns bis in den Schlaf   

30 Wege aus dem Albtraum:
Wie digitale Unterstützung beim „Umschreiben“ von Träumen helfen kann   

32 Endlich Schluss mit den fliegenden Hitzen!
Neue hormonfreie Medikamente schaffen Abhilfe  

34 Zu Fuß unterwegs:
Wie Sie gut schlafen und wach durch den Tag kommen   

42 Neue Bücher  

44 Schlafen Sie sich gesund – mit der richtigen Matratze   

45 Der Liegetipp vom Fachmann   

46 Das Schlafzimmer als Wohlfühlort:
Warum Ordnung den Schlaf verbessern kann   

48 Die Kolumne

49 Maskentipps:
Die richtige CPAP-Maske finden

Neue Wege in der Schlafmedizin

Marion Zerbst


Die Welt des Schlafs ist uns in vielerlei Hinsicht nach wie vor unerklärlich, und Schlafstörungen und deren Behandlungsmöglichkeiten sind auch heute noch längst nicht so gut erforscht, wie man sich das eigentlich wünschen würde. Doch allmählich bringt die Schlafforschung immer mehr Licht ins Dunkel. Daher wissen wir inzwischen, wie wichtig diese „Nachtseite“ des Lebens für unsere körperliche und psychische Gesundheit ist.
Leider schlafen immer mehr Menschen eher schlecht als recht. Um Schlafstörungen erkennen, ihnen vorbeugen und sie behandeln zu können, muss man gut über den Schlaf informiert sein – nicht nur als Arzt, sondern auch als medizinischer Laie. Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Schlaf besser verstehen zu lernen, dieses Wissen an die Öffentlichkeit weiterzugeben und auf diese Weise dafür zu sorgen, dass die Menschen den Schlaf ernster nehmen – eine Arbeit, zu der auch die alljährliche Tagung der DGSM einen wichtigen Beitrag leistet.

„Vermöge der kleinen Wahrnehmungen geht die Gegenwart mit der Zukunft schwanger und ist mit der Vergangenheit beladen.“
Diese Erkenntnis stammt von dem großen deutschen Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz. Das Motto der 33. Jahrestagung der DGSM, die Ende November 2025 in Hannover stattfand, lehnt sich an diese Theorie der „kleinen, unmerklichen Wahrnehmungen“ des deutschen Universalgelehrten an. Denn kleine, kaum spürbare Veränderungen können manchmal weitreichende Auswirkungen haben. Insofern ist die berühmte Hypothese, nach der der Flügelschlag eines Schmetterlings eine Kettenreaktion auslösen könnte, die am anderen Ende der Welt einen Tornado verursacht, gar nicht so utopisch, wie sie uns auf den ersten Blick erscheinen mag – und die Schlafmedizin ist vielleicht der beste Beweis dafür.

Kleine Wahrnehmung – große Welle
Um das zu erkennen, braucht man sich nur einmal die häufigsten Schlafstörungen und schlafbezogenen Erkrankungen anzuschauen:

  • Ein Tröpfchen von einem Hormon namens Melatonin, das in einer winzig kleinen Drüse im Gehirn gebildet wird, sorgt dafür, dass wir nachts schlafen können. Zunehmender Melatoninmangel im Alter ist einer der wichtigsten Gründe, warum viele Senioren sich mit dem Schlafen schwertun.

  • Hinter einem banalen Schnarchgeräusch, das so mancher vielleicht nur für eine harmlose nächtliche Lärmbelästigung hält, kann eine schwerwiegende Erkrankung namens obstruktive Schlafapnoe stecken. Dass es durch die Verlegung der oberen Atemwege zu einem Abfall unserer Sauerstoffsättigung kommt, nehmen wir natürlich nicht bewusst wahr. Aber unser Körper spürt es und weckt uns auf – allerdings nur für ein paar Sekunden, die wir oft gar nicht registrieren – wir empfinden das Ganze nur als unerholsamen Schlaf oder durchgehendes Wachsein.

  • Ein kleines Ungleichgewicht im Haushalt eines Botenstoffs namens Dopamin kann Missempfindungen in den Beinen verursachen, die die Betroffenen nachts in den Wahnsinn treiben. Meist treten bei diesen Patienten auch periodische Beinbewegungen während des Schlafs auf, die sie zwar nicht bewusst wahrnehmen, die den Schlaf aber (ähnlich wie bei einer Schlafapnoe) sehr unerholsam machen, weil sie ebenfalls zu sekundenkurzen Wachvorgängen führen.

  • Eine kleine Veränderung des Traumverhaltens – nämlich, dass man plötzlich anfängt, seine Träume auszuagieren und nachts wie wild um sich zu schlagen – kann ein erstes Warnsignal für eine schwere Demenzerkrankung sein. Der Träumende selbst ist sich dessen gar nicht bewusst; nur seine Bettpartnerin, die am nächsten Morgen blaue Flecken hat, weist ihn vielleicht darauf hin.

  • Und auch die nächtliche Regulation unserer Atmung unterliegt unterbewussten Steuerungsprozessen – denn den Kohlendioxidanstieg oder den Sauerstoffabfall nehmen wir nicht bewusst wahr.

Kleine oder unbewusste Wahrnehmungen lösen also manchmal eine große Welle aus; und genau das war das Motto der diesjährigen DGSM-Jahrestagung.

Die beiden Tagungspräsidentinnen – Prof. Andrea Rodenbeck (wissenschaftliche Leiterin des Schlaflabors im Evangelischen Krankenhaus Göttingen) und Prof. Sylvia Kotterba (Chefärztin der Klinik für Geriatrie am Klinikum Leer) – erklärten in einem Interview anlässlich der Tagung, welche Themen ihnen zurzeit den Schlaf rauben, gaben aber auch hilfreiche Praxistipps zu der Frage, auf welche „kleinen Wahrnehmungen“ man hören sollte, bevor einen die sinnbildliche „große Welle“ namens Schlafstörung mit sich reißt.

„Ein wichtiger Aspekt ist das Stressniveau, das man wahrnehmen und ernst nehmen sollte. Denn sonst fällt es schwer, noch abschalten zu können und in den Schlaf zu finden“, meint Prof. Rodenbeck. „Und ganz wichtig ist auch, für sich selbst herauszufinden, wie viel Schlaf man braucht: Das Kriterium hierfür ist eine gute Tagesbefindlichkeit. Das heißt aber nicht, dass wir von morgens bis zum Lichtlöschen durchgehend voll konzentriert und aktiv sein müssen. Schwankungen in der Tagesbefindlichkeit sind normal und von inneren Prozessen gesteuert.“

„Eine wichtige Strategie für mich ist es, Dinge, die ich nicht vergessen will, auf einen Zettel zu schreiben – so kommt es gar nicht erst zum Gedankenkreisen“, berichtete Prof. Kotterba. „Gerade in ungewohnter Umgebung fallen uns andere Licht- und Geräuschverhältnisse auf, die eine unbehagliche Schlafsituation ergeben können. Wenn sie sich nicht beheben lassen, kann eine Meditation – die es durchaus auch geführt in Form von Podcasts gibt – helfen.“

Wichtige neue Themen – von Ethik bis Gendermedizin
Was sind denn nach Meinung der Tagungspräsidentinnen zurzeit die „hot topics“ in der Schlafforschung?

„Neu ist zum Beispiel das Thema Ethik in der Schlafmedizin und die damit verbundene Fragestellung, ob die derzeit vorhandene Diagnostik und Therapie wirklich für jeden Patienten sinnvoll ist“, erklärte Prof. Kotterba. „Mittlerweile wird unsere Bevölkerung ja immer älter – auch dank der modernen Medizin. Wir müssen uns aber stets überlegen: Möchte der Patient das denn auch? Wir haben natürlich immer mehr Therapiemöglichkeiten. Aber sollen wir ihm wirklich alles anbieten, was geht, oder ist das vielleicht gar nicht gewollt? Ich leite ja die Klinik für Geriatrie am Klinikum Leer, und da beobachte ich, dass mit dem Alter gerade auch Schlafstörungen – insbesondere schlafbezogene Atmungs- und Bewegungsstörungen – zunehmen. Unsere Schwestern und Pfleger sind schon darauf geeicht. Die sagen uns morgens: Da war jemand mit ganz vielen Atemaussetzern. Und wir fragen uns dann oft: Soll ich einem 90-Jährigen wirklich CPAP oder APAP oder eine andere Beatmungsform anbieten? Denn ich muss den Patienten natürlich da abholen, wo er steht und was er möchte. Ich muss ihm aber auch zeigen, was ich ihm bieten kann. Ich kann ihn also nicht einfach fragen: Wollen Sie beatmet werden?, sondern muss ihm das genau erklären. Deshalb ist für uns – gerade in der Geriatrie – die Frage: Was wollen ältere Menschen an Behandlung haben, und wie weit können sie unserer Argumentation folgen? Und da müssen wir immer in eine gute Patientenaufklärung, in eine Laiensprache hineingehen, damit der Patient uns auch wirklich versteht.“

Bei der DGSM-Jahrestagung ging es aber auch um andere Themen, die bisher eher zu den Randbereichen der Schlafmedizin gehörten: zum Beispiel um das weite Feld „Ernährung und Schlaf“, um Hypnose als Therapieform und künstliche Intelligenz in der Schlafmedizin. Auch die lange Zeit stiefmütterlich behandelte Gendermedizin bildete einen wichtigen Themenschwerpunkt. „Wir wissen, dass Männer und Frauen nicht gleich sind – auch im Schlaf nicht. Zum Beispiel leiden Frauen wesentlich häufiger unter Ein- und Durchschlafstörungen (Insomnien) als Männer“, erklärte Prof. Rodenbeck. „Und wir wissen auch schon seit vielen, vielen Jahren, dass sie hinsichtlich der schlafbezogenen Atmungsstörungen eine ganz andere Symptomatik haben – weniger Tagesschläfrigkeit als vielmehr unerholsamen Schlaf und Ein- und Durchschlafstörungen. Es ist aber noch nicht ganz klar, inwieweit diese Unterschiede auch eine andere Behandlungsstrategie nach sich ziehen müssen.“

„Ich denke, das Thema Gender ist in der Medizin viel zu lange vernachlässigt worden“, bestätigte der Moderator der Pressekonferenz, Prof. Dieter Riemann. „Vor 40 Jahren haben wir Forschung gemacht und Kontrollgruppen zu depressiven Patienten untersucht. Da haben wir immer nur junge, gesunde Männer genommen und geglaubt, wir machen gute Forschung. In Wirklichkeit war das aber vom wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet eine ziemlich schlechte Vorgehensweise. Heute darf man solche Studien gar nicht mehr machen.“

Endlich eine kausale medikamentöse Therapie für Patienten mit Ein- und Durchschlafstörungen
Und natürlich spielen auch neue Medikamente in der schlafmedizinischen Diskussion immer wieder eine wichtige Rolle. „Die Bedeutung des Orexins für Insomnien ist schon lange bekannt. Und jetzt gibt es Medikamente, die genau an dieser Ursache ansetzen. Wir können also in der Schlafmedizin mittlerweile mehr, als nur Symptome zu behandeln.“ Dieses Thema findet Prof. Kotterba besonders spannend. Und in der Tat könnte ein Neurotransmitter namens Orexin die Behandlung von Ein- und Durchschlafstörungen revolutionieren.

Orexin ist ein Eiweißmolekül, das im Gehirn gebildet wird und für die Schlafregulation eine wichtige Rolle spielt. Es lagert sich nämlich an speziellen „Andockstellen“ (den Orexinrezeptoren) an und stimuliert auf diese Weise bestimmte Nervenzellen im Gehirn. Dadurch wird die Ausschüttung wach machender Nervenbotenstoffe wie Dopamin, Histamin, Serotonin, Acetylcholin und Noradrenalin ausgelöst.

Bei Menschen, die nicht unter einem gestörten Schlaf leiden, ist das ja auch ein sehr sinnvoller Effekt: Bei ihnen steigt der Orexinspiegel im Gehirn nämlich tagsüber an – mit der erwünschten Konsequenz, dass sie morgens wach werden und es auch den ganzen Tag über bleiben. Gegen Abend und zur Nacht hin nimmt der Orexinspiegel dann wieder ab – nur leider nicht bei schlafgestörten Menschen: Bei ihnen ist das wachheitsfördernde Orexinsystem im Gehirn überaktiv – Ein- und Durchschlafstörungen sind die Folge.

Und genau diesen von Schlaflosigkeit geplagten Menschen können sogenannte Orexin-Rezeptorantagonisten wie beispielsweise das erst vor relativ kurzer Zeit auf den Markt gekommene Daridorexant (Quviviq®) helfen, ohne viele gravierende unerwünschte Nebenwirkungen anderer rezeptpflichtiger Schlafmittel (zum Beispiel Suchtgefahr, Überhangwirkung am nächsten Tag, muskelentspannende Wirkung, Sturzrisiko usw.) zu haben.

Diesen Effekt erreichen die Medikamente, indem sie an den Orexinrezeptoren im Gehirn andocken und diese blockieren, sodass das Orexin seine aktivierende Wirkung nicht mehr entfalten kann. Dieser neuen Medikamentenklasse war bei der DGSM-Jahrestagung ein ganzes Symposium gewidmet.

Die Nacht bestimmt den Tag
Prof. Riemann beendete die Pressekonferenz mit einem eindringlichen Appell an uns alle, dem Schlaf mehr Wertschätzung entgegenzubringen und vor allem auch auf einen ausreichenden Nachtschlaf zu achten.

„Ich glaube, uns sollte viel bewusster werden, wie sehr unser Tag durch die Nacht bestimmt wird. Und es sollte auch viel mehr ins gesellschaftliche Bewusstsein dringen, wie sehr wir uns durch eine Vernachlässigung unseres Schlafs in unserer Fähigkeit einschränken, den Tag erfolgreich zu gestalten.“

Zum Schluss gaben alle Pressekonferenzteilnehmer noch ein Statement ab, in dem sie dieses Thema aus ihrer persönlichen Sicht beleuchteten. Dabei kamen viele wichtige Aspekte zur Sprache: zum Beispiel, dass sogar schon bei jungen, gesunden Menschen 24 Stunden Schlafentzug im Hinblick auf die Reaktionsfähigkeit einem Promille Alkohol entsprechen. Da ist es eigentlich kein Wunder, dass so viele schläfrigkeitsbedingte Unfälle passieren, vor allem nachts! Im Sommer – wo oft noch die sommerliche Hitze als belastender Faktor hinzukommt – machen viele Menschen den Fehler, um zwei Uhr morgens aufzustehen und um drei Uhr in Urlaub zu fahren, was aus schlafmedizinischer und chronobiologischer Sicht keine gute Idee ist; denn um diese Zeit ist unsere innere Uhr noch ganz auf Schlaf eingestellt.

Als weiteres großes Problem wurde unsere heutige Rund-um-die-Uhr-Medienbeschallung erwähnt. Denn heute ist es nicht mehr so wie früher, wo das Fernsehprogramm irgendwann zu Ende war. Danach strahlte der Fernsehbildschirm nur noch ein Testbild aus – ein wichtiger Impuls zum Schlafengehen, denn jetzt gab es beim besten Willen nichts mehr zu sehen. Heute dagegen hört die Berieselung niemals auf, und wenn einen das aktuelle Fernsehprogramm nicht interessiert, kann man sich immer noch ein paar Netflix-Serien reinziehen. Für dieses Unterhaltungsangebot sind vor allem Jugendliche sehr empfänglich, sodass wir nicht zuletzt auch aufgrund unserer veränderten Medienlandschaft allmählich immer mehr auf eine schlaflose Gesellschaft zusteuern. Schläfrigkeit und mangelnde Leistungsfähigkeit bei Tage – womöglich bis hin zum Einschlafen am Steuer – sind die gefährliche Folge.

Schlafmangel hat aber auch gravierende Langzeitfolgen, die man nicht unterschätzen sollte; zum Beispiel erhöht er das Risiko für Demenzerkrankungen. Denn genau wie jede Wohnung muss auch das Gehirn irgendwann einmal gründlich aufgeräumt werden – nur mit dem einen Unterschied, dass diese Säuberungsaktionen in unserem Gehirn nachts ablaufen: Dann werden Abfallprodukte abtransportiert, die neurodegenerative Prozesse fördern, wenn das Gehirn sie nicht regelmäßig entsorgt. Diese nächtliche Reinigung unseres Gehirns läuft aber nur während des Schlafs ab und nicht, wenn wir die ganze Nacht vor dem Fernseher oder am Computer sitzen.



Quellen:
Pressekonferenz zur 33. Jahrestagung der DGSM (mit Statements bekannter Schlafmediziner)
„Themen, die die Schlafmedizin bisher nicht erreicht hat“ (Pressemeldung zur 33. DGSM-Jahrestagung)
 

Teilnehmer gesucht — Chronisch erschöpft? Magdeburger Forschungsteam prüft neue Behandlungsmethode

Forscher der Universitätsmedizin Magdeburg prüfen in einer klinischen Studie, ob eine sanfte elektrische Stimulation am Ohr chronische Erschöpfung lindern kann.

Viele Menschen mit chronischen Erkrankungen leiden unter ständiger Erschöpfung (Fatigue), sodass selbst kleinste Aufgaben im Alltag zur Herausforderung werden. Ein Forschungsteam der Medizinischen Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg untersucht nun, ob eine sanfte elektrische Stimulation am Ohr – die sogenannte transkutane aurikuläre Vagusnervstimulation (taVNS) – helfen kann, diese Beschwerden zu lindern. Für die Studie mit dem Titel „ReVita“ werden ab sofort Teilnehmer gesucht, die an chronischer Fatigue (zum Beispiel bei multipler Sklerose, Morbus Parkinson, ME/CFS oder Long-COVID) leiden. Die Studie ist Teil des EFRE-geförderten Projekts „KSMED – Klinische Studien und Prüfungen an der Medizinischen Fakultät Magdeburg“, das die patientennahe klinische Forschung in Magdeburg stärken soll.

Bei der taVNS werden spezielle Ohrelektroden eingesetzt, vergleichbar mit In-Ear-Kopfhörern, die schwache elektrische Impulse an den Vagusnerv senden. Der Vagusnerv ist Teil des vegetativen Nervensystems und spielt eine wichtige Rolle bei der Regulation von Stress, Entzündungen und Erholung. Die Anwendung erfolgt über vier Wochen bequem von zu Hause aus, nachdem die Teilnehmer im Studienzentrum eingewiesen wurden. Das Forschungsteam möchte damit herausfinden, ob diese Form der Stimulation die subjektive Erschöpfung messbar verringern und die Lebensqualität verbessern kann. Außerdem wird untersucht, wie sich die Anwendung auf die Gehirnaktivität, die Herzfrequenzvariabilität und andere biologische Parameter auswirkt.

„Wenn sich zeigt, dass diese Methode wirksam ist, könnten viele Patienten künftig selbst aktiv etwas gegen ihre Fatigue tun, ganz ohne Medikamente und mit geringem Aufwand“, erklärt Prof. Dr. Tino Zähle, Leiter der Abteilung Neuropsychologie und Institutsleiter der Medizinischen Psychologie. „Das wäre ein wichtiger Schritt hin zu einer patientennahen, alltagstauglichen Therapie.“

Fatigue gehört zu den häufigsten und sehr belastenden Symptomen vieler chronischer Krankheiten. Etwa ein Drittel der Betroffenen empfindet sie als das schlimmste Begleitsymptom. Bislang gibt es jedoch keine allgemein wirksame Behandlung. Die ReVita-Studie will dazu beitragen, diese Forschungslücke zu schließen und neue Wege in der nicht-medikamentösen Therapie zu eröffnen.

Interessierte können sich ab sofort für die Studie anmelden
Informationen und Kontakt unter: https://t1p.de/revita



Pressemitteilung der Medizinischen Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg vom 4.12.2025